Neulich auf nem Festival – „Der Nicht-Schwimmer“

Prolog

Samstagnachmittag, die Sonne flimmert über den Platz. Es ist heiβ. Sehr heiβ! Die Bässe der Goas beaten und auf der Hauptbühne gibt’s feinen Indie-Rock auf die Ohren. Auf der kleineren Bahndammbühne spielt eine Punkband. Der Soundbrei, der etwa 500 Meter Luftlinie entfernt bei mir ankommt ist gewöhnungsbedürftig aber eben der „Sound des Festivals“

Ich gehe wieder einmal meiner Lieblingsbeschäftigung nach und schmeiße völlig verschwitzt und stinkend Säcke vom Hänger in den Container. Der Container steht auf dem Campingplatz. Das ist gut so, so bekommt man wirklich einiges mit. Schön ist auch, dass die Kombination Garbage + Trecker + Besucher + Autos der Besucher beim Anfahren des Containerplatzes immer wieder zu lustigen Dialogen führt. Diese „wie-sollte-ich-mein-Auto-parken-wenn-ich-möchte-dass-es-nacchdem-Garbage-an-den-Container-rangefahren-ist-noch-ganauso-aussieht-wie-vorher“ – Gespräche können recht lustig sein. Dazu muss man wissen, dass in einem Radius von etwa fünf Metern um den Container mit Flatterband ein Bereich abgegrenzt ist, der mir mit dem mehr als 10 Meter langen Gespann aus Trecker und Hänger ermöglicht gut um den Container herumfahren zu können um dann so nah wie möglich an die Container-Seite fahren zu können. Nicht selten finden Autohalter es einladend das Flatterband runterzudrücken um dann doch noch ihr Auto nah am Zelt stehen zu haben auch wenn da eigentlich gar kein Platz ist. Zunächst versuche ich es dann auf die nette Tour und schreie laut: „Wem gehört dieses verfickte Auto hier? Es muss da sofort weg.“ Häufig hilft das schon. Manchmal nicht, dann ist Zeit für eine Schauübung, erst recht wenn der Fahrer verkatert aus seinem Zelt steigt und ähnlich „qualifizierte“ Kommentare wie diesen beispielhaften hier von sich gibt: „Was willst du, du fette Sau. Fahr mit deinem beschissenen Trecker doch woanders lang! Ist doch genug Platz.“ Manche grinsen dann und glauben mir überlegen zu sein. Ich setze den Trecker dann gern ein paar Meter zurück und steige ab, hole zum Beispiel einen weggeworfenen Klappstuhl vom Hänger und lege ihn gut sichtbar mitten in den Weg. Steige wieder auf den Trecker und starte ihn, um ihn dann genüsslich mit dem Trecker platt zu machen. Danach ist er in der Regel etwas kompakter als zuvor. Dann lache ich hämisch und setze den Trecker wieder zurück. Steige ab und fange wieder dreckig an zu lachen und rufe: „Ich bin Garbage und ja, ich sehe nicht nur bekloppt aus. Ich bin es auch!“ Die Wirkung ist fantastisch……aus dem eben noch überlegen grinsendem Autohalter wird ganz schnell ein Autoschlüssel suchender Autohalter, der es plötzlich sehr eilig hat sein Fahrzeug um zuparken…….nicht selten mit dem Satz „Der ist doch völlig Irre der Typ“ murmelnd.

Also den Soundbrei im Ohr hörend stehe ich wieder einmal auf dem Hänger. Eine Mischung von Schweiß und einer nicht identifizierbaren Flüssigkeit läuft mir übers Gesicht. Es ist wieder fucking heiβ. Plötzlich wird der Soundbrei von einem „Flapp-Flapp-Flapp“ zerrissen. Entsetzt schaue ich in den Himmel. Ein Heli der Polizei steht über der Weser und dem Campingplatz. Ich denke noch: „Ja spinnen die jetzt? Kontrollieren sie unsere Besucher jetzt schon aus der Luft? Echt jetzt?“ Zunächst ärgere ich mich darüber. Dann sehe ich wie mehrere Feuerwehrfahrzeuge und ein Rettungswagen den Zombie-Walk entlang heizen. Erstmal nichts außergewöhnliches. Die Jungs von der Rettung und der Feuerwehr lieben ihre Spielzeuge und fahren manchmal im gefühlten Sekundentakt mit Blaulicht und Martinshorn über den Zombie-Walk. Ich hätte auch manchmal gern ein Blaulicht und ein Martinshorn auf dem Trecker. Beides verschafft Respekt und wenn die walkenden Zombies nicht zu breit sind springen sie auch fix auf die Seite. Aber jetzt in Kombination mit dem kreisenden Heli beschleicht mich das Gefühl, dass etwas passiert sein muss. Die Fahrzeuge fahren Richtung Weser. „Nicht gut“ denke ich. Jetzt wird die Situation etwas skurril. Plötzlich fährt der Pritschenwagen mit der Lautsprecher-Vorrichtung den wir per Auflage für den Notfall vorhalten müssen über den Zombie-Walk ich vernehme die Stimme von unserer damaligen Vereins-Präsidentin, die mit heiserer Stimme in das Mikro krächzt. „Ey Platz machen! Es geht um Leben und Tod. Leute macht uns Platz“ Irgendwie scheinen Martinshorn und Blaulicht effektiver zu sein. Trotz ihrer Gefahrenansage kommt der Pritschenwagen nur im Schritttempo voran……

Was war passiert?

Eine halbe Stunde zuvor…….

Der Nicht-Schwimmer

Clara macht zusammen mit vielen anderen tollen Menschen den Kinderbereich auf dem Festival. Ja, bei uns gibt es sogar einen Kinderbereich. Das ist ein etwas abgetrennter Bereich, mit einem kleinen Zirkuszelt. Mit vielen Groβspielgeräten, wie zum Beispiel einer feinen Bierkistenrutsche. Kinder von Festivalbesuchern können hier tolle Sachen machen. Die Menschen die den Kinderbereich betreuen machen tolle Arbeit, so wie wir alle. Clara hat ein Problem. Ihr Problem heiβt Dimitrov. Dimitrov steht seit Beginn des Festivals Freitagmittag immer wieder vorm Kinderbereich. Er sagt er findet Clara toll. Clara aber findet Dimitrov nicht toll. Eher ziemlich doof, stinkend und anstrengend. Ziemlich anstrengend. Dimitrov glaubt nämlich, dass er ein ganz toller Hecht ist. Dimitrov steht immer wieder vorm Kinderbereich und überzieht Clara mit ziemlich doofen und sexistischen Sprüchen. Dreimal haben die Helfer ihn am Freitag des Platzes verwiesen, sie haben ihm dabei mehr als deutlich gemacht, dass bei einem nächsten Stalkingversuch die Securitys eingeschaltet werden und er dann komplett vom Platz fliegt. Clara glaubte die Sache sei jetzt dann erledigt. Samstagmittag wurde sie eines Besseren belehrt. Dimitrov stand wieder vor ihr, war sichtlich total besoffen und lallte wie sehr er Clara liebe und erklärte ihr sehr wortreich was er jetzt am liebsten sofort alles mit ihr machen wolle. Ich möchte das hier nicht weiter vertiefen………leider gibt es neben all den wirklich netten Menschen auf diesem Festival auch ein paar Arschgesichter, wie im richtigen Leben halt auch. Die herbeigerufenen Security-Menschen waren schnell vor Ort. Dimitrov war der Aufforderung unverzüglich zu gehen nicht nachgekommen. Erst als die Männer der Security auf ihn zukamen und ihn packen wollten erkannte er wohl trotz, wie sich später rausstellen würde, einem massiven Blutalkoholwert, dass seine Lage nun suboptimal war. Er flüchtete, spurtete dabei Richtung Uferböschung und sprang ins Gebüsch. Eigentliches Ziel dieser Aktion war der Sprung in die Weser. Doof nur, dass er nicht sah, dass die Uferböschung aus einer heftig wuchernden Dornenhecke bestand in die man nicht unbedingt hüpfen sollte. Leider fehlte Dimitrov diese Einsicht und er sprang trotzdem. Er riss sich so ziemlich alles auf, was an einem nur mit Boxershorts bekleideten Mann so aufreißen kann, wenn er in eine Dornenhecke springt. Laut Augenzeugenberichten sah er nachdem man ihn am Ende aus dem Hafenbecken fischte wohl nicht mehr ganz so gut aus. Hafenbecken richtig. Dort endete sein Flussausflug. Wäre er weitergeschwommen wäre er entweder ertrunken oder er hätte viele Fuβ-Kilometer zurücklegen müssen um wieder zum Festivalgelände zurück zu kommen. Er sah wohl ein, dass dieses Unterfangen in seinem Zustand eher nicht so empfehlenswert war. Ich bin immer wieder erstaunt wie verhältnismäßig klar Menschen mit über 3 Promille noch sein können. Im Hafenbecken, ein kleiner Yachthafen hinter dem Gelände, fischten Polizei und Sanitäter Dimitrov aus dem Wasser. Als Westfale und Kanufahrer, der die Weser wie seine Westentasche kennt, ist schon allein der Gedanke überhaupt in diesen Fluss hineinzuspringen mehr als grenzwertig. Abgesehen von der wirklich tödlichen Gefahr, die von sogenannten Strudeln ausgeht, die je nach Größe so stark sein können, dass sie sogar einen Erwachsenen unter Wasser ziehen können, würde ich allein wegen der „Reinheit“ des Wassers, egal wie heiβ es ist, auf ein Bad in der Weser gern verzichten. Wobei man ja sagt, dass die Wasserqualität in den letzten zwei Jahrzehnten schon wesentlich gestiegen ist. Abr in dieses Hfenbecken zu springen, bzw. dort rein zu schwimmen ist nochmal ne Nummer ekeliger. Das Kraftwerk leitet in dieses Becken das benutzte Kühlwasser. Die braunen Schaumkronen am Beckenrand sprechen da immer noch ihre eigene Sprache. Die Sanitäter konnten Dimitrovs Wunden nicht vor Ort stillen und man entschied sich ihn mit Blaulicht und Martinshorn ins nächste Klinikum zu bringen. Irgendwann im Krankenwagen fing er an zu lallen: „Wo bin ich?“ – „Im Krankenwagen, wir bringen dich ins Krankenhaus“ „Und Egon?“, fragte er lallend. „Ist Egon tot? Wo ist er. Seit ehrlich ist er ertrunken?“ Die Sanitäter wurden stutzig und fragten wer denn Egon sei? „Mein Freund Egon und ich sind doch zusammen geschwommen. Habt ihr ihn gefunden?“ Man kontaktierte sofort die Polizei und die Feuerwehr. Es setzte sich eine heftige Maschinerie in Gang. Die Feuerwehr rückte mit Blaulicht und Martinshorn aus. Das Rettungsboot wurde eingesetzt und Unterstützung durch die DLRG und die Wasserschutzpolizei angefordert. Die Polizei setzte den Helikopter der Bundespolizei ein. Man stellte sich auf das schlimmste ein. Immerhin konnte Dimitrov noch den Namen des vermissten Freundes sagen, zumindest glaubte er das wohl. Die also eventuell längst ertrunkene Person bekam nun einen Namen. Egon Benz. Die mittlerweile informierte Vereinsleitung, also die Veranstalter selbst, beschlossen sich auch auf die Suche zu machen. Vielleicht würde man über Lautsprecherdurchsagen wenigsten Menschen finden, die Egon Benz kannten. Während die Einsatzwagen dank Martinshorn und Blaulicht relativ gut durch die Massen preschen konnten, war das mit dem Lautsprecher-Pritschenwagen nicht ganz so einfach. Unsere Vereins-Präsidentin krächzte immer wieder in das Mikro: „Leute macht Platz! Es geht um Leben und Tod. Wir suchen jemanden.“ Der Fahrer der Pritsche meinte es wäre vielleicht auch hilfreich den Namen des Gesuchten zu sagen. Aber auch das machte das Durchkommen nicht wirklich leichter. Ein Fahrzeug mit Martinshorn hatte es irgendwie leichter. Als man dann durchgekommen war und Camping II erreicht  wurde nur noch „Egon Benz“!!! Egon Benz. Wir suchen Egon Benz. Egon Benz, kennt jemand einen Egon Benz? Bitte melden!“ Nach einigem weiteren Krächzen durchs Mikro kamen drei Jungs auf die Pritsche zu. Sie erklärten sie würden jemanden mit ähnlichem Namen kennen. Er heiβe aber eben nicht Egon Benz, sondern Egon Brennts. Wo der sei wollte man hastig wissen. Ob er schwimmen sei? „Schwimmen? Egon? Nee. Der liegt knalle dicht in seinem Zelt, den haben wir eben gar nicht wach bekommen, deswegen sind wir alleine los.“ Man forderte die Jungs auf das Zelt zu zeigen und ihn zu wecken. Mit der Pritsche zuckelte man hinter den Jungs her. Neugierige und bestimmt auch sehr verwirrte Menschen liefen dem Lauti-Wagen hinterher, einige schienen zu glauben sie nähmen an eine Art Parade teil und würden der Pritsche mit nem DJ drauf folgen. Wäre das Ganze nicht so dramatisch gewesen muss das ein lustiger bis irritierender Anblick gewesen sein. Vorne in der Pritsche malte man sich wahrscheinlich schon die schlimmsten Geschichten aus was passieren würde, wenn der Junge echt ertrunken ist und hinten liefen Besucher und machten Party. Man kann es ihnen ja nicht mal übelnehmen, sie konnten ja nicht wirklich wissen was passiert war. Naja okay, eigentlich hätten sie ahnen können, dass hier irgendwas anders ist. Ein wenig Kombinationsgabe und logisches Denken hätten durchaus dazu führen können, dass man sich fragt in welchem Zusammenhang ein Lauti-Wagen mit der Durchsage, dass es um Leben und Tod gehe und man einen Menschen suche und die immer noch sichtbaren Einsatzfahrzeuge von Polizei, Notarzt und Feuerwehr, sowie ein kreisender Heli stehen. Aber nicht alle verfügten über die Gabe logisch denken zu können und so tanzten sie weiter hinter der Pritsche her. Am Zelt angekommen, brachten die drei Jungs einen sehr verkaterten jungen Mann aus dem Zelt mit. „Bist du Egon Benz?“ „Hä?“ kurze Pause. „Ja. Äh nein.“ „ich heiβe Egon Brennts, ja.“ Bist du heute in der Weser geschwommen?“ wurde er ernst gefragt. „Ich? Nein. Das ist doch verboten“, stammelte er. Man gab dem Jungen deutlich zu verstehen, dass es sehr ernst sei und es unabdingbar sei, dass er die Wahrheit sage. Während man ihm das zu verklickern versuchte trafen zwei Streifenwagen vor dem Zelt vor. Super-GAU. Streifenwagen auf dem Campingplatz. Unter normalen Umständen ein völliges No-Go. Wo eben noch Leute gemütlich vor ihren Zelten dösten und rauchten und soffen, war plötzlich keiner mehr zu sehen. Einige standen leicht versteckt hinter ihren Zelten und beobachteten aus vermeintlich etwas sicherer Entfernung die Szenerie. Einige glaubten wohl an eine Razzia. Aber bitte sowas kommt auf einem Festival eigentlich nicht vor, jedenfalls ganz bestimmt nicht auf dem Gelände. Die Verkehrskontrollen nach dem Festival auf den öffentlichen Ausfallstraßen sind ein anderes Thema, aber auf dem Platz gibt es keine Kontrollen und auch eigentlich keine Streifenwagen. Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere Zivilpolizist unterwegs ist, aber keine Uniformierten. Der arme junge Mann der grade aus seinem Tiefschlaf gerissen wurde und nun sichtlich immer noch ziemlich breit vor seinem Zelt stand musste auch denken „Was geht denn jetzt? Wird man so hart verfolgt, wenn man in die Weser schwimmen geht?“  Leise stammelte er nun fast unter Tränen: „Ja wir waren heute Morgen schwimmen. Ich weiß, dass man das nicht darf. Muss ich jetzt meine Sachen packen?“ Man wollte wissen mit wem er denn schwimmen gewesen sei und wie das gelaufen sei. „Dimitrov meinte heute morgen um 10 so als wir von irgend so einer Campingplatz-Party kamen er hätte Bock jetzt zu ˋseinerˋ Clara zu schwimmen, das täte doch jetzt richtig gut. Ich hatte eigentlich keinen Bock und wollte nur pennen. Ich bin dann zwar mit ihm zur Weser, er ist dann auch gleich ins Wasser gesprungen und wurde schnell weggetrieben. Ich bin dann aber nach nur hundert Metern wieder raus aus dem Wasser. Dimi war schon voll weit weg. Ich hab mich dann wieder ins Zelt gelegt und hab gepennt. Bis Sie alle kamen.“ Alles klar, die Suche konnte abgebrochen werden. Der Heli drehte ab und die Einsatzfahrzeuge fuhren zum Rettungsplatz zurück.

Später nachdem auch Dimitrov wieder einigermaßen nüchtern wurde, klärte sich auf was vermutlich passiert war: Dimitrov ließ sich bis auf Höhe des Kinderbereichs treiben, also einige hundert Meter weit, ging dort an Land. Er hatte schon vergessen, dass Egon ihn eigentlich begleiten wollte und vermisste ihn deswegen zunächst auch nicht. Er ging zum Kinderbereich und stalkte weiter „seine“ Clara…….den Rest der Geschichte kennen wir. Clara wurde nicht weiter von Dimitrov gestalkt, denn der verließ das Krankenhaus erst Sonntagmittag, er war so lädiert und mit verschiedensten Substanzen vollgepumpt, dass man ihn eine Nacht dabehalten wollte.

Ich hatte meine Müllentladungsaktion etwas in die Länge gezogen, hier oben vom Hänger war die Aussicht so gut. Als der Heli abdrehte war es auch für mich Zeit in den Backstage abzudrehen. Als ich vom Hänger sprang und verschwitzt zum Trecker gehen wollte sprachen mich zwei Jungs in Badehosen an. Ich sähe so aus als sollte ich jetzt auch mal in die Weser springen, ob ich denn nicht einfach mitkommen wolle. Ich wollte ansetzen und ihnen wortreich erklären was passieren kann, wenn man unerlaubt in die Weser springt, dachte dann aber: Komm lass, sagte nichts und lachte nur laut, stieg auf meinen Trecker und fuhr von dannen.

Neulich auf nem Festival – Schleudertrauma

Schleudertrauma

Es ist scheiße heiß. Ich höre eine Durchsage des Roten Kreuzes: „Wir fordern Sie auf sich nicht im Fluss abzukühlen! Das kann tödlich enden!“ Das hält trotzdem zahllose Festivalbesucher nicht davon ab an den Fluss zu gehen um Abkühlung zu suchen. Ich kann das aus meiner aktuellen Position gut überblicken. Einige Besucher liegen erschlagen vor ihren Zelten, andere saufen und rauchen unerschrocken weiter „Watt muss, das muss“. Andere haben sich bis auf wenige Bekleidungsstücke komplett ausgezogen und gehen immer noch tanzend übern Acker. Anderen ist es noch nicht heiß genug, so dass sie schnell noch den Grill angeschmissen haben. Eigentlich sollen sie das nicht und wahrscheinlich dauert es auch nur noch wenige Minuten bis die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr kommen, die in regelmäßigen Abstand über die Campingplätze patrouillieren. Feuer und Grillen sind nur an ausgewiesenen Plätzen erlaubt. Eine Auflage. Während also die Besucher ihrem verdienten Müßiggang nachgehen stehe ich mit zwei (bis jetzt) coolen Helfern auf dem Hänger. Ich fahre mit dem Trecker und dem Anhänger so nah wie möglich seitlich an den Container. So kann man die Müllsäcke und andere müllartige Gegenstände etwas einfacher über die Containerkante werfen. Man muss zwar je nach Größe immer noch bis zu zwei Meter Höhenunterschied ausgleichen, aber durch eine geschickte langjährige und von der Pieke auf erlernten Wurftechnik beherrsche ich das für gewöhnlich sogar ohne hinzuschauen………..für gewöhnlich.

Etwa eine Stunde vorher………..

Ich stehe am „Arbeitsamt“ der Anlaufstelle für alle freiwilligen Helfer. Auch wenn wir ja genau genommen auch alles „Freiwillige“ sind, sind wir sehr auf Helfer angewiesen. Der gewöhnliche Festivalbesucher, aber auch Leute aus der Umgebung, die Bock haben zu helfen und dafür Vorzüge des Backstagelebens genießen dürfen, können eine bestimmte Anzahl von Tagesschichten übernehmen um in den Backstage zu kommen. Andere Helfer kommen, ähnlich wie der Inner-Circle für mehrere Tage zum Helfen und können dann auch im Backstage übernachten. Die „Spielwiese“ also das Festivalgelände und der Backstage sind während des Festivals schon ein wenig zwei Welten. Das Eingangstor wird deswegen während des Festivals auch ziemlich intensiv „bewacht“. Einige Besucher vermuten hinter den Heras-Gittern eine Art Paradies. Nicht weitersagen: Ganz unrecht haben diese Besucher nicht, zumindest gemessen an dem was dem gemeinen Besucher auf dem Acker zur Verfügung steht. Allerdings muss man hier anmerken: Nicht wenige von uns verbringen fast zwei Wochen dort, eine Woche vorher Aufbau, eine Woche nachher Abbau, ein gewisser Wunsch nach etwas „Luxus“ ist da nachvollziehbar. Es gibt wirklich super leckeres Essen (allein das Essen ist eine eigene Geschichte wert) von super netten Menschen zubereitet, immer frisch, manchmal echt gesund. Essen gibt es während des Festivals immer. Egal wann ich mit meinem Trecker in den Backstage einfahre, kann ich mir sicher sein. Essen ist da. Sehr geil. Es gibt Mobil-Toiletten. Richtig beobachtet: die gibt’s auch „draußen“, der Unterschied ist, dass unsere einigermaßen sauber sind und in der Regel versucht sie keiner umzuwerfen wenn man drauf sitzt. Draußen kann das schon mal passieren. Nicht schön sowas. Es gibt Duschen, sogar mit Warmwasser. Die Zelte sind relativ sicher und man kann hier gut schlafen. Also Theoretisch. Wenn man bei Psytrance schlafen kann. Die alten Häsinnen und Hasen können das ganz gut. Die Greenhorns leiden die ersten zwei Nächte sehr. Also jede Nacht. Die Psytrance-Area ist zwar gut 400 Meter Luftlinie entfernt, aber das stört die Töne nicht, die nehmen diesen Weg gern auf sich um direkt in dein Ohr zu kriechen. Also ich kann ja ohne Psytrance fast gar nicht mehr einschlafen. Also aufm Festival. Sonst schon ganz gut.

Also ich stehe also an der Arbeitsamt-Weihnachtsmarkthütte. „Ich fahre in 20 Minuten los. Der Müll muss vom Platz. Habt ihr genug Leute für mich die mitkommen?“ Es gibt lustige Jobs, es gibt lauschige Jobs, stressige Jobs, langweilige Jobs und es gibt Scheissjobs. Einer davon ist ein Job in der Müll-Crew, dieser Job ist ungefähr so beliebt bei den Helfern wie die AFD bei den Muslimen. Optimal-Besetzung wären fünf bis sechs Helfer. Selten erreiche ich diese Zahl. Oft wählt man diesen Job erst aus, wenn alle anderen vergeben sind…..einige wenige, hartgesottene Menschen, kommen mittlerweile gern mit weil sie wissen, dass es eigentlich schlimmeres gibt als chillig auf dem Hänger zu hocken und sich den warmen Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen (zumindest wenn der Hänger leer ist), andere tun eben zur Not alles um in den Backstage zu kommen, wenn es sein muss auch mit Hilfe der Müll-Crew. Manche sind ganz schlau und setzen sich ab und sind am Ende wenn es dann in den Backstage geht wieder da. Garbage mag das nicht. „Äh ja Garbage wir haben noch zwei zusätzliche Leute für die Tour gleich gewinnen können. Sie haben aber noch ein paar Fragen.“ Sie kamen auf mich zu, als sie mich wahrnahmen und vor allem rochen, blieben sie in einigem Abstand zu mir stehen. Ich denke mein Eau de Garbage muss schon relativ intensiv gerochen haben. Und der Müll der an meinen, heute grünen, Chucks klebte war vielleicht auch etwas abschreckend. Eigentlich sah ich aber noch verhältnismäßig fresch aus. „Ihr wollt also helfen? Super!“ Richtiger und ehrlicher wäre diese Aussage von mir gewesen: „Ihr wollt also helfen? Ehrlich jetzt? Nicht wirklich oder?“ Vor mir standen zwei Mädels, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Ich frage mich noch heute wie sie es auf einem Festivalgelände geschafft hatten so auszusehen. Mascara bis zum Abwinken, kunstvoll lackierte Fingernägel, gestylte Föhnfrisur, an den Füßen saubere Sneaker. Es war Samstagmorgen und eine Festivalnacht schon rum. Ich nehme an sie hatten für jeden Tag eine frische Montur dabei. „Die haben gesagt wir müssen nur eine Schicht machen, wenn wir ein Tagesbändchen für den Backstage haben wollen, wenn wir mit dir mitfahren.“ „Ach so. Okay. Dann geht mal da ins Lager und holt euch ne Müllzange und Handschuhe. Sagt dem Typen der da sitzt einfach ihr arbeitet mit Garbage. Ihr kriegt dann Extra-Handschuhe. Müllbeutel bekommt ihr von mir.“ – „Wie Extra-Handschuhe? Müllzangen? Wozu?“ Ich war geneigt zu antworten sie könnten den Müll auch gerne auflecken oder so……ließ das aber erst mal und dachte mir erstmal nur meinen Teil. „Na jetzt geht mal das Zeug holen und dann treffen wir uns am Trecker.“ Nach einigen Minuten kamen die Mädels zum Trecker. Die eine versuchte immer noch in die Handschuhe zu kommen ohne dabei ihre kunstvoll lackierten Nägel zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. „Fahren wir jetzt endlich Trecker?“, fragte die andere freudig. Ich erklärte den beiden, dass das eigentlich nicht der Plan sei. Wie die zwei weiteren Helfer die nun zum Trecker kamen und schon wussten was auf sie zu kommt sollten sie zunächst über den Acker latschen und den Müll mit den Müllzangen in die Müllbeutel packen und hinstellen, so dass ich sie mit dem Trecker einsammeln kann. „Wie? Wir fahren gar nicht mit dem Trecker?“ Ich versprach Ihnen später würden sie noch in den Genuss kommen, doch doch…… Ob sie dabei dreckig würden fragten sie mich noch……..? „Ne nich dolle!“, sagte ich während ich mir eine Mischung aus totem Chili von Kalle, Reis vom Asiaten und Kotze von Gästen mit einem Stöckchen vom Schuh zu entfernen versuchte. Nachdem alle ihre Müllsäcke schön gefüllt auf dem Acker aufgereiht hatten und die zwei weiteren Helfer alles auf den Hänger verfrachtet hatten, kamen die beiden Mädels „Und wann dürfen wir Trecker fahren?“ „Jetzt wenn ihr wollt“ Die zwei anderen Helfer stiegen ab und gingen ins Backstage. Mit den zwei Mädels fuhr ich den halben Kilometer zum Müllcontainer. Sie genossen die Fahrt und fühlten sich sichtbar wie kleine Prinzessinnen auf großer Triumphfahrt. Sie winkten vom Trecker in Queen-Manier und quiekten dabei vergnügt wie kleine Ferkel. Dass nur wenig später eine von Ihnen aussehen und vor allem riechen würde wie ein Ferkel, wussten wir bis dahin alle noch nicht.

Als wir an dem Container ankamen und ich das Gespann kunstvoll „einparkte“ erklärte ich den Mädels was jetzt kommen würde: „Wir klettern jetzt auf den Anhänger und dann schmeißen wir alle Säcke über die Ladekante.“ „Das ist nen Witz oder? Warum machen wir nicht einfach die Türen auf und schmeißen das Zeug dann rein?“ Ich versicherte ihnen, dass sie die Mülllawine die dann auf sie zukommen würde, vermutlich das letzte wäre was sie lebend sehen würden. „Das machen wir nicht! Auf gar keinen Fall. Du hast ja nen Schaden!“. Ich antwortete, dass sie mit der Vermutung mit dem Schaden gar nicht so falsch lag und lachte dabei ziemlich fies, öffnete den Werkzeugkasten neben meinem Sitz und zog einen Seitenschneider hervor. „Alles Klar, dann haltet mir mal eure Arme hin und haltet ruhig, damit ich euch nicht aus Versehen in die Haut schneide, wenn ich euch das Tagesbändchen wieder abschneide.“ – „Aber dann kommen wir doch nicht mehr in den Backstage oder?“ „Stimmt. Das wäre das Ziel dieser Aktion. Gut erkannt!“ Es dauerte plötzlich nur noch einen sehr kurzen Augenblick bis sie auf den Hänger geklettert waren. Okay. So ein bisschen ekelig ist das schon, wenn man da oben auf den ganzen Müllsäcken steht, also nur so ein bisschen. Die Aussicht ist gut und wenn man an was Schönes denkt, erträgt man das auch ganz gut. Meistens. Am Anfang schien es ihnen sogar noch Spaß zu machen, da der Müllberg auf dem Hänger noch recht hoch war und man die Säcke so verhältnismäßig leicht in den Container werfen konnte. Je weniger aber der Müll auf dem Hänger war umso schwerer war es die Säcke über die hohe Kante zu schleudern. Nun hatte ich die Gelegenheit meine mühevoll erlernte und ausgefeilte Wurftechnik an die nächste Generation weiterzugeben. Ein historischer Moment. Hätte es werden können. „Also. Ihr nehmt den Beutel. Dreht den oben so zusammen, dass ihr ihn gut greifen könnt. Dann verschafft ihr euch Platz.“ Ein Mädel rückte an die linke Seite des Hängers, was sich später als vorteilhaft rausstellen sollte, weil ich Rechtshänder bin……..Das andere Mädel stellte sich rechts von mir hin. „Dann zieht ihr an dem zusammengezogenen Teil des Sacks, hebt ihn an, holt aus und werft den Sack im hohen Bogen über die Kante……….“ Ich wollte noch sagen, dass man vorsichtig sein muss, weil es manchmal vorkommt, dass die Säcke zu voll sind und dann reißen. Dann fliegt einem die ganze Scheiße, wenn man Pech hat entgegen und voll in die Fresse. Suboptimal. Ich schwang also kunstvoll den Sack und grade als ich ihn zum Abwurf anheben wollte, vernahm ich nur ein lautes „Klatsch“ gefolgt von einem noch lauterem „IIIIIIIIIIhhhhhhh. Scheeeeeeiiiiiiissssseeee“ und nicht enden wollendem Gekreische. Vorsichtig schaute ich nach rechts. Dort stand ein Mädel welches so überhaupt nicht mehr gestylt aussah. Durch ihr Gesicht zog sich eine Spur aus Tomatensoße, Reis und anderen im Gesicht eher störenden Produkten. Ihr hübsches Haar war mit einer Bananenschale bedeckt. Eine Mischung aus Chili und Reis tropfte an ihrem Körper hinunter. Sie kreischte immer noch. „Is ja gut. Alles gut. Nichts passiert“ sagte ich im ruhigen Ton obwohl ich in echt schwer zu kämpfen hatte mein dreckiges Lachen zu unterdrücken. Während des Sack schleudern war dieser leider gerissen und sein ganzer Inhalt hatte sich über dem Mädel ausgebreitet. Ich machte noch den Hänger leer und fuhr die beiden dann in den Backstage. Klasse, obwohl das Mädel nur ein Tagesbändchen hatte, durfte sie in den Genuss der Backstage- Duschen kommen………..Ich sah sie am nächsten Tag nochmal……bei den Schuhen schien sie keine zweite Montur dabei zu haben……..sie lief Barfuss……..

Neulich auf nem Festival- Ausschlussverfahren

Prolog

Ich bin ja Festivalgänger. Also theoretisch. Also nicht so richtig. Nicht so hier mal an den Ring, da mal nach Wacken oder hier im Südwesten der Republik lebend naheliegend zum Southside. Nein. Ganz ehrlich, ich war bisher erst einmal auf einem zweitägigen Bezahlfestival am Bodensee. War irgendwie gar nicht so geil. Ich weiß auch wo dran das liegt. Ich kenne Festival fast nur „von hinten“. Also ich weiß wie Festival ist und vor allem was Festival ist aber ich genieße es meist von hinten. Klingt jetzt etwas anstößig. Ist es aber nicht. Auch wenn ich dabei manchmal rosa Chucks trage. Meine Festivalwelt spielt sich fernab von den großen kommerziellen Festivals ab. Meine Festivalwelt ist umsonst und draußen. Seit gefühlten 20 Jahren, und tatsächlich sind es die wohl jetzt auch schon, gibt es in meiner ostwestfälischen Heimatregion ein Festival eben Umsonst & Draußen bei dem ich mitmache. Der Satz kann jetzt missverständlich rüberkommen. Mich gibt´s da seit 20 Jahren, das Festival selbst feierte 2015 sein 40-jähriges Jubiläum, also habe ich bisher nur die Hälfte mitbekommen. Seit vielen Jahren wird aus Martin dem Sozialarbeiter „Garbage“, the King. Ich zeichne mich verantwortlich für die Abfallentsorgung. Klingt kacke. Ist Kacke. Aber geile Kacke. Wer mich bisher gelesen hat, weiß mittlerweile, dass ich ein wenig einen an der Klatsche habe, wer mich kennt weiß das sowieso. Richtig so. Um den Müllkutscher auf einem Festival mit durchschnittlich 25.000 Besuchern zu spielen ist es hilfreich das zu haben. Also einen an der Klatsche. Das erleichtert einfach so unglaublich viel an diesem Job. Ihr glaubt gar nicht was die Leute alles wegschmeißen auf so nem Festival…….ich sach euch…..Geschichten könnte ich erzählen……….

 

Ausschlussverfahren

Samstagnacht. Zweiter Festivaltag. Ein Blick auf die Uhr verrät mir: 2 Uhr, also genau genommen schon Sonntag, dritter und letzter Festivaltag. Der Tag hatte es in sich. Es war sehr warm und die Hütte war voll. Teilweise gab es für mich mit meinem Garbage-Mobil (ein wunderschöner alter Güldner-Trecker) kaum ein Durchkommen, ein überqueren des Zombie-Walks, einem geteerten Feldweg der beim Festival der Verbindungsweg zwischen Festivalgelände und Campingplätzen ist und auf dem nachts die betrunkenen und zu gedröhnten Menschen wie Zombies hin und her laufen, war fast unmöglich ohne einen Menschen durch einen Treckerreifen das Leben vorzeitig und unschön zu beenden. Ich war bereits am Nachmittag schwer ins Schwitzen gekommen, weil sich dramatisch abgezeichnet hatte, dass der erste 35 Kubikmeter Müllcontainer schon Samstagmittag übel voll war. In einer Adhoc-Aktion konnte ich den Containerdienst noch am späten Nachmittag dazu bewegen uns einen weiteren Container anzuliefern. Knappe Sache. Wie auch immer, der Tag war heftig und abends hatte ich es endlich irgendwann aus dem Materialzelt hinausgeschafft. Ich liebe einfach das Lager. Da lagert so viel. Nein, das Lager war zu einer Art geheimen Kneipe mutiert, man traf sich dort gern, trank und erzählte, lachte und stritt sich auch öfter, je später der Abend desto weniger konstruktiv waren die „Streitgespräche“, aber auch die gehören dazu. Man benutzt nicht umsonst und auch draußen gern den Begriff Lagerkoller. Alles gut. Ich lief ein bisschen über den Acker, traf nette Menschen, aß ein Handbrot, besuchte die Nachbarn im Psytrance-Backstage und fotografierte noch ein bisschen direkt vor der Hauptbühne, praktischer Weise vor dem Zaun der die Besucher davon abhält die Bühne zu stürmen. Oder dahinter. Jedenfalls brauchte ich keine Fotos aus der Zuschauer-Perspektive machen, was eigentlich ziemlich cool ist, vor allem wenn man bei Gitarren-Riffs oder Schlagzeug-Solos direkt vor einer der Hauptboxen steht. Wahhhhhh. Geil. Irgendwann nachdem ich doch noch ein bisschen versackt bin, leider kann ich bis heute nicht sagen wo ich versackt bin, wer am Versacken beteiligt war, kam ich irgendwann an meinem Schlafwagen an. Den Autoschlüssel habe ich während meiner Abwesenheit an einem sicheren Ort. Wir sind zwar im Backstage und während des Festivals auch gut eingezäunt, aber dennoch halten sich hier bis zu 300 Menschen auf. Ich hatte es wohl irgendwie noch auf die Reihe bekommen meinen Schlüssel dort zu holen und wankte zu meinem zum Schlafwagen mutierten Rumänen. Ich mag ihn ja wirklichen diesen Osteuropäer, aber die Zentralverriegelung und ich mögen uns jetzt nicht mehr so. Nun denn angekommen in meinem „Vorzelt“ entriegelte ich das Auto zog mich bis auf Boxershirt und T-Shirt, ach ja und orange Socken, aus und legte die Sachen ins Auto. Draußen werden die Sachen nachts immer klamm. Ich hatte wohl leider schon mal vorsorglich das Auto wieder verriegelt während die Hintertür noch auf war. Leider hatte ich das in meinem Zustand ziemlich schnell wieder vergessen. Jedenfalls legte ich den Schlüssel neben mein Kopfkissen und knallte selbstbewusst die Tür zu mit dem Plan gleich über die Seitentür in mein Schlafzimmer zu kriechen. Schon in dem Moment in dem die Tür laut scheppernd ins Schloss fiel durchfuhr mich plötzlich ein sehr unangenehmes Gefühl. Irgendwas lief hier grad suboptimal. Ich huschte aus dem Vorzelt auf die Seitentür zu in der Hoffnung, dass ich so breit wäre, dass ich mir nur einbildete was jetzt kommen würde. Ich war zwar breit, aber die Tür war trotzdem verriegelt, so wie alle Türen meines treuen Rumänen. Fuck. Immerhin hatte ich noch mein Handy in der Hand. Schnell stellte sich aber raus, dass mir das jetzt hier so um drei Uhr morgens mal so gar nichts bringt: Das Netz war dermaßen überlastet, weil fast jeder der Besucher und Helfer sein Smartphone in Dauernutzung hatte und die örtlichen Funkzellen einfach am Ende ihrer Kapazitäten waren. Zumindest mit meinem Netz ging hier heute Nacht gar nichts mehr. Zur Erinnerung, ich war bekleidet mit orangen Socken, einer ebenfalls orangen Boxershorts und mit einem T-Shirt. Alles übrigens nicht nach Müll riechend, ich pflege abends andere Kleidung zu tragen als aufm Trecker. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich sonst sehr einsam durch den Backstage und über den Festivalacker laufe, plötzlich können sie dich dann nicht mehr riechen. Ich fand im Vorzelt zum Glück noch eine klamme Jogginghose. Die übergestreift zusammen mit Hausschuhen an den Füßen lief ich nun etwas planlos durch den Backstage. Scheiße, wer kann dir jetzt um diese verkackte Uhrzeit dabei helfen dein Auto aufzubrechen? Mein erster Gang ging zum geliebten Materialzelt. Da saß nur leider keiner mehr, nur so ein rotbärtiger Typ lag auf einem Feldbett in einer Ecke und schnarchte erbarmungslos. Er musste ab 4 Uhr auf der Hauptbühne die Bühnenwache machen und schlief vor. Macht Sinn. War bevor ich hier prollig in Jogginghose und Schlappen übern Acker schlappte in der Hoffnung jemanden zu finden, der mein Auto aufbrechen würde, war der Plan ja eigentlich zu pennen, denn um 5 Uhr wollte ich den Platz vorm Frühstückszelt entmüllen. Also in zwei Stunden. Geil. Also kein Erfolg im Materialzelt. Nächste Station: Die Elektriker-Nerds. Keine Ahnung was mich bewegte oder glauben ließ man könne mir dort helfen. Ich nehme an es war die pure Verzweiflung. Bei den Nerds angekommen hatte ich immerhin schon einen Teilerfolg zu verbuchen, zumindest glaubte ich das kurz. Der Teilerfolg: Dort saß tatsächlich noch jemand und ich hatte den Eindruck er würde an einer Leitung löten. Theoretisch kann das jederzeit vorkommen, sie sind immerhin für die gesamte Stromversorgung auf dem gesamten Gelände zuständig. Wie gesagt, aus einer Entfernung sah es so aus. Bei näherer Betrachtung zeichnete sich ein anderes Bild ab. Der junge Mann, seines Zeichens so wusste ich das tatsächlich ein echter Elektriker, saß auf einem Klappstuhl und lag mit dem Kopf auf dem Tisch zwischen Kabeln und FI-Schaltern, eine Hand klammerte sich an einer Pilsflasche fest. Er schlief. Das war mir ehrlich gesagt ziemlich Latte. Ich fragte ihn lautstark ob er eine Idee habe wie man ein Auto aufbreche. Er lallte er habe eine Idee, ich behaupte jetzt einfach mal, dass er nicht lallte, weil er so breit war, sondern einfach, weil er total durch war……das ist bei den „Intensiv-Helfern“ zu diesem Zeitpunkt ein Normalzustand. Er meinte er wisse ja wo mein Auto stünde, er käme da in 10 Minuten hin. Ja, ne ist klar. Ich fragte ihn noch warum erst in 10 Minuten, woraufhin er meinte er müsse sich noch was durch den Kopf gehen lassen. Diese Aussage hätte mich stutzig machen sollen, doch auch mein Gehirn lief nicht mehr wirklich unter Volllast. Nur noch ein paar wichtigste basale Funktionen waren einsatzbereit. Der Elektriker kam nicht, ich entdeckte ihn eine Stunde später in seinem Kofferraum, sah nicht wirklich gemütlich aus. Er war von uns gegangen, also heute Nacht. Am morgigen Mittag spätestens wird er sicher ein paar Kabel austauschen oder löten. Ich ging zum Bürowagen, quasi zur Telefonzentrale. Die liebe Vereinskollegin, wir kennen uns schon etliche Jahre, eigentlich zuständig für die Händler beriet mit mir und ihrem Lebensgefährten wie es denn nun weitergehen könnte. Wir kamen auf die Idee es sei klug zu den Security-Leuten zu gehen. Da muss doch einer dabei sein der sich mit sowas auskennt, man hört doch immer, dass das auch mal schwere Jungs dabei sind. Im Nachhinein betrachtet etwas ungeschickt war vielleicht, dass ich genau das auch sagte als ich dann gegen 4 Uhr vorm Security-Zelt stand. Irgendwie war keiner der noch wenigen wachen Menschen von Ihnen, die im Übrigen auch alle sehr „gar“ oder „durch“ aussahen nach dieser Bemerkung mir behilflich zu sein. Tatsächlich tat ich ihnen unrecht. Die machen wirklich alle einen richtig guten Job. Besonnen aber bestimmt. Der Chef schickte zwar zwei Männer zu mir, aber man meinte dann schnell man könne nur die Brechstange nehmen. In Anbetracht dessen, dass so eine fucking Tür selbst bei einem sonst Sozialarbeiterkompatiblen Fahrzeug einige hundert Euro kostete und ich Dienstag zurück nach Freuberg fahren wollte, hielt ich das für eine eher suboptimale Idee. Wieder ging ich zum Büro-Bauwagen. Nächste Idee: Feuerwehr. Also schlappte ich, immer noch in Jogginghose, orangen Socken und Schlappen die 300 Meter zum Feuerwehr-, Polizei- und Feuerwehr Hauptquartier. Ich kam mir ziemlich dämlich dabei vor. Der Weg dorthin war nicht so schlimm, mit meinem Aussehen und meinem Verhalten passte ich mich dem jetzt noch auf den Beinen seienden Menschen perfekt an. Ich tauchte in der Masse der Zombies unter. Die Feuerwehr weigerte sich um halb 5 ein Auto im Backstage aufzubrechen. Die Jungs fanden es unheimlich witzig dem Müllkutscher die Hydraulikschere zu zeigen mit dem Kommentar man könne mir ja das Dach aufschneiden dann hätte ich immer einen Sternenhimmel über mir. Oh wie geistreich. In einer halben Stunde wollte ich anfangen mit Müll einsammeln. Welch geile Idee. In orangen Socken und Jogginghose. Großes Kino. Verzweifelt schleppte ich mich zum Bauwagen zurück. Ich hatte mich schon darauf eingestellt im Bürowagen auf der Bank zu schlafen. Ohne Decke, ohne Schlafsack. Da kam die letzte Idee. ADAC anrufen. Mitglied? Ja. Ich fuhr früher einen alten Twingo, diese Investition in die Mitgliedschaft hatte sich mehr als einmal ausgezahlt. Man mag von dem Verein halten was man will. Da mein Telefon auch um viertel vor 5 kein Netz hatte, durfte ich vom Telefon des Lebensgefährten beim Gelben Engel persönlich anrufen. Tatsächlich schickten sie einen „Engel“ los, allerdings gaben sie ihm als Kontakttelefon die Nummer des Typen dessen Handy ich nutzte. Und der KFZ-Typ der geordert wurde hatte großen Redebedarf und es dauerte nicht lange bis er anrief und ich glaubte er würde jetzt einen Wutanafall bekommen und sagen er komme morgen oder Montag irgendwann, aber sicher nicht jetzt. Tatsächlich sagte er erst sowas, dann durfte ich ihm die Sache erklären, ich erwähnte auch ich sei Helfer und sei der Typ der immer den Müll einsammelt, aber das könne er ja nicht wissen. „Ach du bist der Typ mit dem Güldner? Cool. Ihr macht ein saugeiles Festival. Wo muss ich hin, wie komm ich dahin? Gib mir 20 Minuten, ich bin in der Nähe, habe eben eine Starthilfe auf eurem Tagesparkplatz gegeben.“ Die beiden und das Telefon verließen mich, somit auch der Kontakt zum KFZ-Meister im Auftrag des ADAC. Man wollte jetzt auch mal ein bisschen Heim schlafen. Verständlich. Nach 45 Minuten, es war fast 6 Uhr morgens, kam er. Er hatte sich einmal verfahren und war der Einbahnstraßenregelung zum Opfer gefallen und die zufällig dummerweise grad da anwesende Polizei wollte auch nicht erlauben, dass er mit eingeschalteter Rundumleuchte einfährt. Als er dann richtig war, versuchten sich auf dem Zombie-Walk einige sehr fertige Wesen noch auf sein Dach zu setzen. Einer versuchte immer den Lichtstrahl der Rundumleuchte einzufangen. Im Schnecken-Schritttempo erreichte er den Backstage. Der Kerl war total begeistert, dass er mal in den Backstage könne. Er sei noch am Nachmittag mit seiner Frau und den Kindern draußen beim Auftritt einer Band gewesen. Es dauerte keine 10 Minuten und er hatte mein Auto auf. Er benutzte wie er sagte „Dasselbe Werkzeug wie die Osteuropäischen Autoschieber auch verwenden. Immer auf dem neuesten Stand der Technik.“ Er dürfe das besitzen, weil er KFZ-Meister sei und im Auftrag des Autoclubs unterwegs sei. Die anderen kriegen es auf dem Schwarzmarkt. „Aber mach dir keine Sorgen, deinen Rumänen klauen die nicht.“ Er trank noch einen Morgenkaffee und verschwand dann im Morgengrauen mit seinem gelben Spaßmobil. Und ich fand sogar jemanden, der so viel Mitleid hatte, dass ich ins Bett gehen konnte während er den Dreck am Frühstückszelt wegmachte. Dieses Jahr schlafe ich wieder im Auto und werde bei meinen Eltern den Zweitschlüssel hinterlegen…….Hoffentlich hilft´s  😉

Belesenes S-Bahnfahren

Heute in der S-Bahn.

Wie so viele andere Menschen auch hat es uns heute in die Natur gezogen. Es sollte an den Kaiserstuhl gehen, der ja nun von Freuberg nicht so eit weg ist. Wir dachten wenn wir schon in der Ökohauptstadt Freuberg wohnen machen wir es heute auf die „sanfte Tour“ also mit ÖPNV. Im Grunde war das sehr klug, denn wir sparten damit nicht nur Sprit und schonten aktiv die Umwelt, so wie wir Freuberger das gerne tun, jedenfalls sind wir bemüht so zu tun als würden wir es tun, gehört ja schließlich zum Image. Nein es war klug, weil wir keinen Parkplatz brauchten und der hübsche Ort direkt S-Bahn-Anschluss hat. Tatsächlich sahen wir aus dem Bähnle schon lange vor den Ortseingangsschildern lange Auto-Park-Karawanen am Feldwegrand. Der weit über die Ortsgrenzen bekannte Bücherflohmarkt lockt jährlich tausende Menschen in das beschauliche „Städtli“ wie man es dort nennt.

Wir glaubten tatsächlich, dass wir in der S-Bahn noch einen Sitzplatz bekommen würden, schließlich stiegen wir am ersten Haltepunkt der Bahn  ein. Pustekuchen. Zunächst kein Sitzplatz, schon gar nicht zu dritt nebeneinander. Nach zwei weiteren Haltepunkten hatten wir es geschafft Sitzplatztechnisch familiär wiedervereint zu sein und saßen mit einem schon sichtlich genervten fremden Mann in einem Vierer.

Nun kam die klassische Freuberger Öko-Interlektuellen – Familie auf die Bühne. Der Zug war mittlerweile so voll, dass an jeder freien Stelle im Gang nun Menschen standen und sich irgendwo versuchten festzuhalten. Ich hatte vorher schon einige Male eine Mutter gehört wie sie meinte: „Hm? Ich glaube wir bekommen das nicht hin, dass wir alle zusammen sitzen. Papa müsste sowieso stehen. Aber wir können auch zu dritt auf einen Sitz,oder Kinder?“ Man sah wie sich die drei Kinder auf einen Sitz zwängten, der Sitznachbar stöhnte und brummte…….nachvollziehbar. Ja, man kann zu dritt auf einem Platz sitzen, allerdings nur, wenn der Sitznachbar auf ungefähr die Hälfte seines Sitzplatzes verzichtet, was er vermutlich meistens tut, wenn er von drei zappelnden Kindern bedrängt wird. Die Mutter sah das wohl ein, allerdings erst nachdem die Frau des Sitznachbarn freundlich aber bestimmt fragte: „Sagen se mal hän se noch alle Tassen beisamme? Sie mache mein Mann ja platt!“ Man ließ die Kinder nun bis auf Höhe unseres Vierersitzes aufrücken, weiter ging nicht, der Zug endete hier. Die älteste Tochter setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, auch die anderen zwei machten es sich auf dem Boden des immer noch total überfüllten Bähnles gemütlich. Kurz vor der nächsten Station wurde ein Platz in unserer Vierer-Abteilung frei. Das älteste Kind setzte sich nun auf den freien Platz, die Mutter stellte sich daneben und die zwei Kinder und der Vater, der immerhin noch stand, rückten näher. Die Mutter zog ein dickes Buch aus der Tasche und fragte entzückt: „Super, jetzt sind wir ja alle wieder zusammen. Das ist so schön. Soll ich jetzt weiterlesen?“ „Au ja Mama!“ rief das mittlere Kind. „Dorothea, du musst vielleicht etwas lauter lesen. Es ist recht voll und laut hier“, rief der Vater und die Show begann. Auch wenn die Mutter es nur schaffte zwei Sätze dieses Was-auch-immer-Buches vorzulesen fühlte ich mich irgendwie im falschen Film, meinen Sitznachbarn schien es den Gesichtsausdrücken nach zu urteilen ganz ähnlich. Nach zwei Sätzen sah die Mutter drei freie Sitze in Sichtweite. Ein neuer Umzug wurde eingeleitet. „Na hän se jetzt ma ihren Platz gefunden?“, fragte eine schon etwas genervte im Gang stehende Frau. Nun war die Famiilie wieder vereint und Mama konnte weiter lesen. Natürlich nicht zu leise, denn Papa sollte mithören und hatte leider keinen Sitzplatz ergattern können, nun saßen ja schon vier Menschen auf drei Plätzen. Theoretisch. Der vierte Sitznachbar blieb eisern und verteidigte seinen Platz tapfer.

Ich kenne aus meiner Zeit als Straßenbahnnutzer während der Ausheilung des Arschleidens nun so einiges aus der Straßenbahn. Von der am Handy laustark darüber lästendernden jungen Frau, die ihrem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung und etwa 20 drumherum sitzenden Mitfahrern erklärt was für ne Flasche der Typ war mit dem sie gestern die Betten rockte, über den sich in den Bart grummelnden Selbstgespräche führenden Kautz, der jedem Mitfahrer einen Angstschauer über den Rücken laufen lässt, bis zur Mama die mit ihrer geballten Erziehungsinkompetenz ihrer sechsjährigen Tochter sagt: „Meine Fresse Chayenne, wenn das so weiter geht mit dir dann geb ich dich ins Heim!“. Dem Typ „Ich bin so belesen und schlau, dass ich dem ganzen Zug den Inhalt meines Buches aufdrängen muss“ war ich bis heute noch nicht begegnet. Wie ihr wollt nicht hören wie das Buch weitergeht? Is das mein Problem? Müsst ihr hier sitzen? Nicht falsch vestehen, ich freue mich ja wenn in deutschen Familien noch das geschriebene Wort geehrt wird und Bücher gelesen werden, gern auch zusammen. Gern auch im Freien. Aber in einem überfüllten Zug? Echt jetzt?

Als wir umstiegen, blieb die Familie zum Glück sitzen. Ich stellte mir vor wie sie bis an den Rheim fuhren, dort die Mutter schon auf dem Weg vom Bahnhof bis zum Rhein vorlesend mit ihrer Familie durch den Ort zog. Vielleicht würden sich der Familie ähnlich wie in Hameln damals die Sache mit den Ratten gelaufen ist, einige Menschen anschließen und dem gesprochenen Wort folgen. Freiwillig.

 

Mein Langzeit-Experiment oder Rosa-Chucks-Day

Ich bin ja Chucks-Träger. Bekennender Chucks-Träger. Und Sozialarbeiter. Beides bekannt. Ich liebe diese amerikanischen Treter. Ich habe sie in vielen Farbvarianten. Von vielen Paaren musste ich mich in meinem Chucks-geprägten Lebensabschnitt bereits trennen. Bei manch einem Paar, ich erinnere mich noch nach Jahren gern an dieses Paar dunkelgrüne Chucks, fiel es mir so schwer, dass ich erst als es sich quasi während der Nutzung aus dem Schuhleben verabschiedete, ich frage mich noch heute ob es wirklich ein altersbedingter oder eine Art Freitod war, wahr haben konnte, dass unsere gemeinsame Zeit zu Ende war. Für immer. Ich habe sie noch am Sterbeort würdevoll „beigesetzt“. Ich war auf einem Festival, auf „meinem“ Festival. Ich arbeite da seit Jahren mit. Ich bin der Müll-König. Was lag da näher als das Paar grüne Chucks in der groβen Festival-Müllmulde beizusetzen. Da Chucks auch bei unseren Besuchern zum meistgetragenen Schuhwerk gehören, stellte ich mir vor, dass dieses Paar Chucks in bester Gesellschaft war. Sicherlich war mein Paar nicht das Einzige was den Kampf Schuh gegen Festivalacker nicht gewinnen konnte. Einzig der Gedanke mein gutes altes Paar Chucks musste sich den lodernden Flammen in der Verbrennungsanlage hingeben schmerzte eine Zeit lang. Das ist jetzt etwa 10 Jahre her, langsam bin ich darüber hinweg. Noch immer wenn ich im Sommer an der Stelle auf dem Festival stehe an der mein Schuh von mir ging halte ich kurz Inne und gedenke seiner.
Um meinen Zwang Chucks in verschiedensten Farben besitzen zu müssen für den Leser nachvollziehbarer zu machen muss man sich den Krankheitsverlauf bzw. seine Entstehung etwas genauer ansehen.
Rekonstruktionen beruhend auf Zeugenaussagen und Fotodokumenten lassen darauf schlieβen, dass es sich in etwa so zugetragen haben muss:
Als viertes Kind einer sechsköpfigen Familie hatte ich in Sachen Anzieh-Klamotten irgendwie ein biβchen die Arschkarte gezogen. „Schau mal Martin. Diese neongelbe Jacke von deinem Bruder ist noch richtig gut erhalten. Die kannst du noch auftragen.“ Ja. Nee. Muss ja nich. „Dein Bruder hat monatelang gebettelt bis er diese Jacke bekommen hat. Die war teuer. Dein Bruder mochte Sie sehr. Die war voll angesagt.“ Ja. War sie. Bestimmt. Vor sechs Jahren. Ende der 80er. Jetzt waren die 90er, Mitte. So ging das oft, eben unter anderem auch im Jahr 89. Ich war grad 10 Jahre alt. Meine Mutter stellte mir das erste Mal Stoffschuhe hin. Sie sahen aus wie Chucks. Es waren keine. Meine Mutter hatte es immer geschafft uns würdevoll einzukleiden auch mit schmalem Geldbeutel. Vier Kinder kosten. Viel. Hätte meine Mutter jedesmal teure Markensachen gekauft, hätten wir sicher auf vieles was wichtiger war als echte Chucks verzichten müssen. Heute verstehe ich das gut. Früher fand ich es kacke. Ich fing an diese Stoffschuhe zu lieben. Toll. Ich habe ein Bild auf dem man diesen Schuh sieht wie er an meinen Füβen eine Kartoffel in den Boden drückt. Eine schöne Erinnerung. Nicht nur an schöne Schuhe, sondern auch an eine nette Kindheit auf dem Land.
Dieses Paar nachgemachte Chucks war der Beginn. Eine gute Freundschaft begann. Mit Einschränkungen. Ich kaufte mir die Schuhe nicht selbst. Meine Eltern zahlten und mein Taschengeld war eher ein Witz…….jedenfalls wenn man sich davon Chucks leisten wollte. Natürlich waren das nie echte Chucks. Bis etwa zur siebten Klasse war mir das ziemlich Latte. Dann plötzlich nicht mehr. Der Markenkampf in der Schule begann. Mein damals bester Freund trug auf einmal Levis Hosen und nur noch Nike Turnschuhe. Ich trug weiter die günstige Noname Jeans und Turnschuhe ohne Nike- oder Adidaszeichen darauf. Ging auch. Manchmal war es nervig und den ein oder anderen dummen Spruch musste ich mir schon geben. Aber ich hielt das relativ tapfer aus.
Ich glaube tatsächlich, dass ich mir mein erstes richtiges Paar Chucks, also die originalen mit dem blauen Stern auf der Innenseite erst mit 18 kaufte. Das Gerede darum, dass Markenschuhe überhaupt nicht länger hielten als Billigschuhe, meiner Mutter hatte mich infiziert. Auch ich behauptete nun voller Inbrunst, dass die nachgemachten in den selben Fabriken hergestellt würden, wie die echten. Nur bei den echten kommt noch der Stern drauf und die Gewinnspanne ist gleich dreimal höher. Das glaubte ich dann irgendwann wirklich. Bis ich mir kurz vor unserer Stufenfahrt nach Prag die ersten richtigen Chucks kaufte. Meine Mutter hatte wenig Verständnis dafür, dass ich 70 DM für diese blöden Schuhe ausgab. Sie waren grün. Sie waren geil. Ich war angefixt. Bämm. Meine nächsten Chucks kaufte ich in Freuberg. In Weserlingen war die Auswahl eher suboptimal bis nicht vorhanden. In Freuberg schien mir das Chucks-Paradies zu sein. Das dachte bis ich mein erstes Paar in Holland kaufte, denn wie ich heute weiβ ist Holland das Chucks-Paradies. Als Zivi verdiente ich mein eigenes Geld und für was ich es ausgab entschied nur ich. Unter anderem investierte ich in Chucks. Ich gewöhnte mir leider schnell an mir mindestens zwei Paar Chucks im Jahr zu kaufen. Ich hatte Nachholbedarf.
Heute ist es so. Ich hab in meinem Arbeitszimmer ein eigenes Regal für meine Chucks. Dabei ist mein Bestand grad recht human. Ich sage human, nicht männlich. Bei mir und meiner Frau ist manches etwas anders. Meine Frau besitzt insgesamt nicht mal so viele Schuhe wie ich nur Chucks besitze. Zur Zeit begrenzt sich mein Chucks-Vorrat auf neun Paare. Alle in Nutzung. Ich habe dieses Regal übrigens nicht aus Eitelkeit und die Schuhe stehen auch nicht wie bei anderen Geschlechtsgenossen, wie Trophäen hinter Glas. Das Regal hat eher pragmatische Gründe. Neben all diesen Chucks besitze ich natürlich auch noch andere Schuhe. So sechs, sieben Paare, hier interessieren mich die Segmente Sneakers und Outdoorschuhe. Mit den Schuhen meiner Frau und meiner sechsjährigen Tochter wurden es einfach zu viele Schuhe.
Zwar bin ich mir durchaus bewusst, dass ich mit dem Tragen der Chucks schon ein gewisses Klischee erfülle, denn was passt besser zusammen als Sozialarbeiter und Chucks? Aber ebenso bin ich mir immer wieder bewusst, dass ich auch prima provozieren kann mit diesen Schuhen, und wenn sie mein Gegenüber nicht provozieren, falle ich zumindest auf. Jeder sollte ja sein kleines Aufmerksamkeitdefizit haben. Noch heute finde ich es schön, wenn ich in einer Sitzung mit wichtigen Menschen sitze, die feine Sachen tragen und dazu die geleckten schwarzen glattleder Slipper tragen. So muss das. Martin oben rum auch ansehnlich gekleidet, an den Füβen Chucks. Aus Rücksicht auf die Augen meiner Mitmenschen verzichte ich mittlerweile auf das Tragen von zu knalligen Chucks. Ich nehme dann schon mal das feinere Wildledermodell. Ich mache den Chuck quasi salonfähig. Giftgrüne oder rosa Chucks machen mein Gegegnüber unberechenbarer. Das habe ich im Lauf der Jahre immerhin bemerkt.
Und damit kommen wir nun endlich zum eigentlichen Langzeit-Experiment, welches ich jetzt seit etwa 15 Jahren betreibe. Ich äuβere mich hier an dieser Stelle erstmals öffentlich über dieses bisher geheime Menschen-Experiment. Meine rosa Chucks.
Unter meinen aktuell neun Modellen befindet sich auch ein rosafarbenes Modell. Rosa. Ja. Auch das wissen nur wenige, ich habe einen Gendefekt, wenn seine „Nebenwirkungen“ nicht so tragisch wären, wäre der sogar ganz lustig. Ich war in Bio nie so gut, auch wenn ich es mal im Abi hatte, aber ich kann es nur so erklären: Ich hab ein Chromosom in meinem Baukasten was da nicht hingehört, ein weibliches. Um jetzt hier kein Skandal-Gefühl aufkommen lassen zu wollen: Nein. Ich bin kein Zwitter. Was ich sagen will: Ich trage quasi eine gewisse Weiblichkeit in mir, was vielleicht als Erklärung dienen kann, warum ich so ein Fable für Schuhe hab.
Rosa Chucks. Warum nicht? Rosa gleich weiblich. Ist das so? Rosa gleich schwul? In meiner Welt nicht. Ich finde rosa cool. Nicht meine Lieblingsfarbe, aber schön. Ich weiβ aber auch, dass viele Menschen immer noch komische Assoziationen haben wenn sie einen erwachsnenen Mann mit rosa Chucks sehen. Is so.
Lustig. So war das bisher bei jeder meiner Arbeitsstellen. Manchmal habe ich Lust auf den „Rosa Chucks Day“. Ganz spontan. Wenn mir danach ist. Diese Tag war es mal wieder soweit.
Mein Projekt begann 2001. Ich arbeitete als Honorarkraft, neben dem Studium, in einem Jugendtreff in einem neu entstehenden Stadtteil Freubergs. Freuberg wächst und wächst, so entstanden in den letzten 15 Jahren zwei komplett neue Staddteile. Das Konzept dieser Offenen Jugendarbeit gefiel mir. Sein Erfinder nannte es „dezentrale Offene Kinder- und Jugendarbeit“. Ich leitete einen Jugendtreff im Keller des Gymnasiums. Schnell hatte der Jugendkeller sich zum Treffpunkt von russlanddeutschen Jugendlichen entwickelt. Eine interessante Arbeit, nicht immer spannungsfrei, aber immer sehr spannend. Meine „Russen“ hatten teilweise ein sehr angestaubtes Bild von gesellschaftlichen Werten und Tugenden. Deutlich männlich war es zum Beispiel im Sommer muskelbetonte Hemden zu tragen, einen möglichst tiefergelegten Wagen deutscher Autohersteller mit breiten Reifen und getönten Scheiben zu fahren, sich mit Wodka zu betrinken und eine hübsche hörige Freundin an der Hand zu haben. Doof. Muskelbetonte Klamotten trage ich nicht, ungeschickter Weise betonen diese nicht meine kaum vorhandenen Muskeln, sondern meinen Bauchspeck. Einen tiefergelgten Wagen deutschen Fabrikats konnte ich leider auch nicht mein nennen. Wenn ich mal mit nem Auto kam, dann mit dem Transit mit dem ich in einem zweiten Nebenjob behinderte Menschen transportierte, der war weder tiefergelegt noch hatte er getönte Scheiben. Wodka trinken ging nicht, ich musste ja Vorbild sein. Ne hübsche Freundin hatte ich schon damals, hörig war sie mir allerdings zum Glück nie. Dort began das Experiment in dem ich gar nichts besonderes tun musste. Ich erdreistete mich mit rosafarbenen Chucks in den Jugendtreff zu gehen. Ih Martin. Bist du ne Tunte oder was? Ich erklärte den Jungs, dass ich keine Tunte sei und es nicht schlimm fände wenn Männer rosa Schuhe tragen. Sie versuchten mir zu erklären, dass sie von nun an Schwierigkeiten haben würden mir den nötigen Respekt zu zollen. Wegen rosa Schuhen? Männer machen das nicht. Auch die Mädchen fanden das unpassend. Sie respektierten mich trotzdem weiter. Sogar soweit, dass ich am Ende meine Diplomarbeit über meine Russen geschrieben habe.
Das Experiment wurde fortgeführt. Als ich nach dem Studium keinen Job in Freuberg fand, vergrößerte ich meinen Bewerbungsradius und wurde ungewollt Jugendtreffleiter in Mannheim. Eine seltsame Zeit, aber das ist ein anderes Thema. Die Jugendlichen da waren was meine rosa Chucks betrifft viel toleranter als die Russen in Freuberg. Einige haben genauer hingesehen, es kam auch mal ein Spruch wie Hättest beim Kauf vielleicht mal genauer hingesehen aber ansonsten fanden die das eher cool.

Nach meiner Zeit in Mannheim, es waren zum Glück nur knapp sechs Monate, wurde ich erster und ich glaube bis heute auch einziger „Streetworker“ in Barsch. Also auf dem Land, zwar im Speckgürtel Freubergs aber eben doch schon ländlich. Als ich hier wagte das erste Mal meine rosa Chucks zu tragen löste das eine kleine Welle der Entrüstung aus…….und das weil der Martin der Streetworker mit rosa Schuhen zur Arbeit kam. Einige der Jugendlichen trauten sich dann mal zu fragen ob ich schwul sei. „Wie kommt ihr da drauf?“ wollte ich wissen. „Na……deine rosa Chucks…….“ Ich musste sie enttäuschen. „Nö. Ich find rosa geil. Sonst nix.“ Verstanden haben sie das nicht. Später erfuhr ich, dass sich zwei Gemeinderätinnen wohl lautstark vor einer Gemeinderatssitzung darüber unterhielten ob ich denn nun schwul sei und was sonst nicht mit mir stimmen könnte. Die eine glaubte dann wohl meine „Masche“ enttarnt zu haben „Der macht das nur um Aufmerksamkeit zu erhaschen“ Oder es sei eine Strategie um mich bei den Jugendlichen beliebt zu machen. Weder das eine, noch das andere war der Fall. Ich trug und trage noch heute einfach gerne Chucks………okay, auffallen tu ich auch gern, aber wenn ich das will trage ich nicht nur rosa Chucks. Das ist ja quasi „Auffallen-Light“, heute weiβ ich da geht noch mehr……..
Dann wurde ich Jugendreferent in Kleinheim. Ihr wisst schon, das Dorf der Verrückten. Da waren dann später meine rosa Chucks und mein allgemein zu unangepasster Kleidungsstil ja bekanntlich sogar Thema in der Gesamtlehrerkonferenz, in deren Anschluss ich von der Rektorin „freundlich“ gebeten wurde mich dem Kleidungsstil der Lehrkörper anzupassen.
Dann wurde ich Leiter und Geschäftsführer einer Jugendfreizeitstätte in Flachstadt, einem Ortsteil von Freuberg. Als Geschäftsführer macht man das nicht, mit Chucks, schon gar nicht mit rosa Chucks, in wichtige Sitzungen mit Kommunalpolitikern gehen. Das zumindest meinte meine Mutter damals mahnend. Stimmt macht „man“ nicht, Martin schon. Negative Reaktionen gab es nicht. Positive schon. Eine Ortschaftsrätin kam irgendwann zu mir und meinte „Martin. Ich finde das cool wie du auftrittst.“
Seit knapp zwei Jahren habe ich das Metier gewechselt. Ich bin jetzt in der Erwachsnenarbeit. Keine Jugendarbeit mehr, fürs Erste jedenfalls. Ich leite eine katholische (!) Einrichtung in Freuberg. Die Bahnhofsmission, besser den katholischen Teil davon. Vor kurzem entdeckte ich meine rosa Chucks wieder. Ich dachte: „Ist die Bahnhofsmission bereit für meine rosa Chucks?“ Warum nicht. Immerhin hatte ich jetzt knapp eineinhalb Jahre auf das Tragen der Schuhe verzichtet. Ich war mir sicher, dass rosa Chucks an Männerfüssen im Jahr 2016 keinen mehr hinterm Ofen hervor holen. Pustekuchen. Eine etwas ältere ehrenamtliche Mitarbeiterin sah mich in den Schuhen und fing an zu lachen „Martin, das passt zu dir……du musst immer noch einen draufsetzen……“ Ich bin in der BM eher ein Farbklecks, das Leben, grade hier am sozialen Tiefpunkt ist schon manchmal traurig genug. Farbe bringt Freude. Freude ist besser als Leid, meistens. Die Mitarbeiter kennen mich jetzt ganz gut und wissen, dass ihr Chef manchmal ein biβchen verrückt ist, alles gut. Ich dachte, dass das bei unseren Besuchern, zumindest den Stammgästen die jeden Tag in die BM kommen auch so sei. Falsch gedacht. Eine Woche nach meinem Rosa-Chucks-Day klopfte es an der Bürotür. Eine Stammgästin stand in der Tür: „Martin. Ähm……“ „Ja Ela was kann ich für sie tun?“ „Ähm. Ja………ich…….ähm wir……..ähm wir……..ich traue mich gar nicht zu fragen……“ „Was denn Ela, es gibt keine dummen Fragen“ Ich weiβ natürlich, dass das nicht stimmt, es gibt tausend dumme Fragen, als Sozialarbeiter weiβ man das. Aber man möchte seine Klienten ja aktivieren. „Ja, also. Wir haben uns gefragt……..ob es sein kann…….naja ob das geht…….dass man als katholischer Leiter……“ „Was?“ „Naja, dass man schwul ist? Jetzt ist es raus! Sind sie schwul Herr Brins?“ „Was meinen sie? Was bringt sie zu der Annahme? Beantworten Sie mir es nicht………waren es die rosa Chucks diese Tage?“ Ja. Auch sie erklärte mir, dass man zum Entschluss gekommen sei, dass es nict normal wäre wenn ein Mann rosa Chucks tragen würde…….mit dem kann doch was nicht stimmen……….
Lustig. Ich nahm diese Tage an einem Kurz-Workshop zum Anti-BIAS Konzept teil…………es geht hier um das Leben mit Vorurteilen und die Frage, wie es gelingen kann vorurteilsfreier zu leben….. 🙂

(Meine) Jugend in Weserlingen

Weserlingen

Ich komme aus Weserlingen. Ich gebe es zu und stehe dazu. Das konnte ich nicht immer. Jetzt geht´s wieder. Da ich aus Weserlingen komme fiel es mir wohl nie schwer in den „Dörfern“ Jugendarbeit zu machen. Ich weiß wie es Kindern und Jugendlichen vom Dorf geht. Menschen, die das hier lesen und Weserlingen entweder kennen oder auch dort herkommen, werden jetzt vielleicht innerlich protestieren und denken „Martin du tust Weserlingen unrecht, das ist doch kein Dorf“ Stimmt. Weserlingen hat Stadtrechte, Weserlingen hat einiges was eine echte „Stadt“ auszeichnet. Vieles aber auch nicht. Weserlingen war meine Jugend. Als Weserlingen meine Jugend war, habe ich mir oft gewünscht, dass es nicht so wäre, dass ich woanders lebe. Heute mit Abstand weiß ich: Meine Jugend in Weserlingen war weitestgehend geil. Ja wirklich. Die 90er, wir hatten Spaß. Selbst in der Ostwestfälischen Provinz.

Immer wieder fallen mir Episoden aus diesem Leben in Weserlingen ein, viele sind einfach nett. Die un-netten lassen wir mal weg. Erstmal.

 

Jugendlich sein in Weserlingen……….kann auch gemein sein, aber nicht ganz so wie in Kleinheim………

 

Es muss im Jahr 1995 gewesen sein. Ich war 16 Jahre alt. Jugendlich sein in Weserlingen heißt kreativ sein. Kiffen im Grünen mit Freunden kann nett sein, wird aber auch mal langweilig. Saufen im kirchlichen Jugendtreff. Kann man machen. Passierte wohl. Kann aber auch langweilig sein. Weizen schlürfen und Kniffeln in der Lieblingskneipe. Hat immer Spaß gemacht. Aber auch das kann auf Dauer langweilig sein. Wenn dann mal ne Party in Weserlingen ging, war das phänomenal. Ich war schon seit zwei Jahren nicht mehr am örtlichen Gymnasium. Ich passte da nicht so hin. Ich war ja schon immer etwas speziell.  Aber ich bekam mit, dass die Leute mit denen ich früher in einer Stufe war bevor ich zunächst am Gymi sitzen blieb und die teilweise noch Freunde waren, am Wochenende eine Party schmeißen wollten. Die erste Oberstufenparty. Auf dem Stuhn, eine andere hohe Erhebung Weserlingens. Zu Fuß ein strammer Marsch von mindestens 40 Minuten. Man musste den Herbstberg runter, 15 Minuten, über die Weser den Fluss der Weserlingen den Namen verdankt, 10 Minuten. Glücklicherweise musste man nicht schwimmen, es gab eine Brücke. Dann noch mal mindestens ne viertel Stunde wieder hoch auf den Stuhn. Ich weiß ehrlicher weise nicht mehr wie ich zur Party gekommen war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit jemanden mitgefahren bin. Ja. Er wollte mich auch mit zurücknehmen, zumindest mit bis zum Stadtkern. Doof, denn das letzte Mal als ich ihn sah lag er erst mit einem Mädel im Kofferraum seines Autos welches so seltsam wackelte. Ich nehme bis heute an, dass die was komisches gemacht haben da drin…….ich konnte so kann ich mich erinnern nicht gut durch die Scheiben schauen, die waren mysteriöser Weise beschlagen…….obwohl Sommer war. Die Party war in einem Industriegebiet in einer alten Lagerhalle. Ich weiß nicht…….ich glaube die Party war Kacke. Filmriss. Ich glaube es gab viel Alkohol und noch mehr Graß. Als ich den Typen der mich mitnehmen wollte das letzte Mal sah lag er immer noch in seinem Auto. Die Kofferraumklappe war offen und er lag da. Er sah nicht so richtig gut aus. Das weiß ich noch. Ich sage mal er sah so aus, dass es besser ist wenn man nicht bei ihm mitfährt……Er sah nicht so aus als würde der die nächsten Stunden noch irgendwas fahren außer einen fetten Film. Ich war sehr sehr breit. Ich muss mich also selbst auf die Socken gemacht haben, zu Fuß. Mitten in der Nacht. Ich muss gelaufen sein, ich glaube mich erinnern zu können…….scheinbar bin ich nicht in die Weser gesprungen……..nun denn.

Ich sitze auf einem Bordstein in der Poststraße, hatte also schon zwei Drittel der Strecke bewältigt, wie gesagt ich nehme an zu Fuß. Ich nahm wahr, wie ein Auto vor meinen Füßen hielt und den Warnblinker setzte, der Blinker hatte für mich in diesem Zustand die Intensität eines Halogenstrahlers. Es kam aber noch schlimmer. Plötzlich sah ich nur noch Licht, es fand quasi eine Lichtexplosion in meinem Hirn statt. Wie ich später erkannte waren das zwei Polizisten. Die Wache in Weserlingen war um diese Zeit morgens um drei nicht besetzt aber immer war mindestens eine Streife unterwegs. Verdammt. Grade diese eine Streife musste jetzt meinen Weg kreuzen. „Hey! Wer bist du und was machst du da? Aufstehen sofort! Das ist ein Eingriff in den Straßenverkehr. Los!“ Zu viel Information auf einmal. Bei mir kam nur ein westfälischer Wortbrei an. „W……..wa……was ist los?“ muss ich gelallt haben. „Personalausweis!“ Ich schaute den Typen vermutlich ziemlich dumm an. Er drehte sich kurz zu seinem Kollegen um und meinte zu ihm er solle schon mal den Alkotest aus dem Kofferraum holen, der Drogenschnelltest wäre bestimmt auch hilfreich. Ich gab dem vor mir stehenden B….Beamten meinen Perso, auf den ich ziemlich stolz war, ich hatte ihn ja jetzt noch nicht so lange. „Warte, mach erstmal ne Identitätsabfrage, hier sein Perso!“ Ich wartete schon auf das Knacken des Funkgerätes, aber es passierte nichts. „So Junge, scheinbar kannst du ja wohl nicht mehr alleine nach Hause finden, oder?“ „Äh….doch……glaub schon.“ „Deswegen bringen wir dich jetzt wohl“ Cool, dachte ich, jetzt werde ich sogar noch auf den Berg gefahren. Mein Gott war ich naiv. Der Kollege am Auto räusperte sich und bat seinen Kollegen zu sich. Dann kamen sie beide wieder. „Du meinst also der Martin schafft das alleine auf den Berg? Echt? Ich glaube wir sollten ihn besser fahren.“ „Nein, ich denke der Martin schafft das, oder Martin?“ dabei schaute er mich an und zwinkerte. Jetzt sah ich erst das Gesicht des zweiten Beamten. Ich kannte ihn. Er kannte mich, was irgendwie auch Glück für mich war. Er war als Jugendlicher mit meinen Eltern auf Freizeiten gefahren. Meine Eltern leiteten damals die ein oder andere kirchliche Jugendfreizeit nach Skandinavien oder in die Slowakei. Er war der Sohn eines Pfarrers aus Weserlingen und hatte zum Erschrecken vieler eine Polizistenlaufbahn eingeschlagen. Gott sei Dank! „Ja. Ich denke das schaffe ich!“

Ich wankte nach Hause. Man hätten die mich doch bloß hoch gefahren die beiden.

Die Peinlichkeiten waren noch nicht ganz vorbei für diese Nacht. Es wurde eigentlich immer nur schlimmer. Ganz nach dem Motto „Einmal in Scheiße packen is ja langweilig“

Schon das Vorhaben leise in mein Zimmer zu schleichen, was praktischer Weise gleich oben neben der Treppe links lag, war zum Scheitern verurteilt. Die Treppe war komplett aus Holz, selbst die verschalte Wand an der die Treppe entlang führte knarrte bei jedem Schritt beängstigend. Ich versuchte es trotzdem so leise wie möglich. Oben angekommen hatte ich leider ein Problem, wie bereits erwähnt hätte ich nun einfach nur links gehen müssen und schon hätte ich mich in mein Bett fallen lassen können. Dumm nur, dass mir mein Geisteszustand es nicht ermöglichte diesen logischen Schritt in Erwägung zu ziehen. Nein er bewirkte wohl eher, dass mein Gehirn sich etwa drei bis vier Jahre zurückversetzte. Zu jener Zeit war mein Zimmer noch rechts und lag neben dem Schlafzimmer meiner Eltern, in dem Zimmer in dem ich jetzt schlief, lebte damals noch einer meiner Brüder, der war aber wie auch alle anderen Geschwister schon längst ausgezogen. Ich war jetzt Einzelkind. Manchmal ungünstig, denn neben der Liebe meiner Eltern zu den Kindern, die sich jetzt ziemlich auf mich konzentrierte, also theoretisch, weil ich ja der letzte Hinterbliebene war, also jedenfalls der zuhause lebenden Kinder, neben dieser Liebe eben konzentrierte sich natürlich auch ihr Unmut auf mich, so sah ich das jedenfalls oft. Früher.

Nun ja, ich stand jetzt jedenfalls da wo ich dachte, dass dort die Tür zu meinem Zimmer sei. Ich versuchte sie zu öffnen. Mist. Ich war zu breit. Ich fand den Türgriff nicht. Ich tastete alles ab. Nichts. Kein Wunder. Mein Vater hatte schon vor Jahren die Wand zwischen meinem früheren Kinderzimmer und ihrem ehemaligen Schlafzimmer abgetragen und dort wo meine Tür einmal war hatte er eine neue Wand eingezogen. Leider hatte ich das irgendwie vergessen.

„Sach mal geht´s noch?“, brummte nun eine ernste Stimme hinter mir. „Wir versuchen hier zu schlafen!“ Hinter mir stand in Boxershorts mein Vater. „Ich glaub es hackt! Du bist ja strunzen dicht! Da ist dein Zimmer. Los geh jetzt ins Bett!“ Nicht gut, er klang irgendwie gereizt, warum denn bloß?

Ich schlief wie ein Stein. Samstag. Ausschlafen. Geil. Habe ich vielleicht noch gedacht. Meine Mutter schien diesen meinigen Plan nicht zu kennen. Sie weckte mich ziemlich mies gelaunt um viertel vor acht. „Ich wollte dich ja nicht so spät wecken, aber dein Vater meinte ich solle dich noch was schlafen lassen.“ Wie gnädig von euch, dachte ich wohl noch. „Gibt Frühstück! Komm runter!“

Am Frühstückstisch herrschte Ruhe. Meine Eltern schienen es vorzuziehen zu schweigen. Ich tat es ihnen sicherheitshalber gleich. Leider ergriff dann mein Vater doch noch das Wort. „Eben habe ich mit einem Polizisten telefoniert, der heute Nachtdienst hatte. Er hat uns interessantes erzählt. Du weißt von wem ich spreche, nicht? Kannst du dich noch erinnern, dass sein Kollege vorgeschlagen hat dich ´zu fahren´?“ – „Ja“ „Warum hast du das Angebot nicht angenommen?“ „Weiß nicht“ „Der Chris wollte nicht, dass du mitfährst, hast du das gemerkt Martin?“, die Stimme meines Vaters wurde etwas lauter und ernster. „Ja“ sagte ich kleinlaut „Weißt du wo sie dich hingefahren hätten? – Sie hätten dich nach Herffeld zur Kreispolizei gebracht. Nicht nach Hause. Chris wollte das uns und dir ersparen und konnte seinen Kollegen überzeugen. Er hat ihm versprochen, dass er uns informiert. Das hat Chris heute Morgen getan.“

Hier zeigte sich dann wie nicht selten wieder: Gut, dass wir aufm „Dorf“ lebten.

Die „Strafen“ meiner Eltern waren eher subtil und pragmatischer Natur. Ich verbrachte den Tag mit meinem Vater und zusammen mit einem fetten Kater im Wald beim Holz machen.

Der Schwarzfahrer

Heute in der Straßenbahn

Straßenbahn fahren kann ja manchmal sein wie im Wohnzimmer fremder Menschen zu sitzen. Ich fahre seit meinem Arschleiden ja kein Fahrrad mehr, auch davor war Fahrradfahren am Ende sagen wir mal suboptimal. Ich fahre also mit krankheitsbedingten Unterbrechungen seit nun bestimmt sieben Monaten mit der Straßenbahn durch Freuberg. Meine Strecke zum Schaffen am Hauptbahnhof dauert zehn, bis zum Ausstieg zum Büro 11 Minuten. Direktverbindung. Sehr geil. Ich will jetzt ja wieder Fahrrad fahren, ich hab mir da sowas mit nem E-Bike in den Kopf gesetzt. Meine Arbeitgeberin soll mich in meinem Vorhaben mich endlich wieder sportlich zu betätigen unterstützen. Der Deal: Ich verzichte auf die Monatskarte und investiere diese mehr als 50 Tacken im Monat für die Leasingrate eines E-Bikes. Einzug direkt übers Gehaltskonto mit steuerlichen Vorteilen, weil als Dienstfahrzeug zu behandeln. Ich bin dran. Ich brauche Geduld, die ich grade nicht habe. Anderes Thema.

Straßenbahn fahren ist wie im Wohnzimmer sitzen, selbst die zehn Minuten Fahrt zur und von der Arbeit reichen mir meist für eine kleine Milieustudie. Übrigens abhängig von der Reisezeit. Morgens zur Schul-Rushhour sind es die Gespräche von Teenagermädels, die leider auch manchmal tiefe Einblicke in den Alltag der Jugendlichen gewähren, die Jungs gleichen Alters stehen da allerdings den Mädels in nichts nach. Ich habe das Pech, dass ich auf einer der Hauptlinien der Freuberger Straßenbahn verkehre. Eine Station „Sozial-Rathaus“, liegt direkt an einem großen Freuberger Berufsschulzentrum. Wenn man Pech hat und die falsche Bahn erwischt, hat man Glück, wenn man im Inneren der Straßenbahn nicht zerdrückt wird. Selbst ein ergatterter Sitzplatz ist keine Sicherheit oder Garantie um diese Rushhour unbeschadet zu überleben. Um diese Uhrzeit heißt Straßenbahn fahren KAMPF. Nicht lustig. Menschen, also normale, nicht die vor hormonellen Regungen palavernden Jugendlichen, sondern die anderen, echten Menschen mutieren in der Rushhour zu unberechenbaren Monstern. Ganz schlimm ist der Typ „Rentnerin mit Stock, Hut und Einkaufs-Trolley.“ Dieser Typ Mensch neigt dazu lautstark kundzutun wie angenervt er von diesen ungehobelten Schülern ist. Die sich dabei laut meckernd darüber beschwert wie Kacke die Kinder sind ohne zu merken, dass die einzige die grade Kacke ist, sie die Rentnerin ist. Wenn etwas auf dem Boden liegt berührt sie es angewidert mit der Spitze ihres Stockes als würde sie testen ob ein totes Lebewesen welches vor ihr am Boden liegt noch lebt und letzte Zuckungen zeigt.

Heute waren es die coolen Jungs die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sie unterhielten sich über Fahrscheinkontrollen in Straßenbahnen und wie die vorgehen. Ich dachte noch so „krass seit sieben Monaten fährst du und bist noch nie kontrolliert worden. Mein Gott hätte ich da sparen können“. Ich hörte wie die coolen Jungs erzählten „Ey Alter, ey…….an jeder Tür einer, des sind voll die breiten und grimmig dreinschauenden Gestalten……..voll brutal……das haste keine Chance…….“ Hörte ich sie noch sagen……..und schwupp weg waren sie…..als ob sie zaubern konnten……..Die Wahrheit liegt in der Nähe, sie hatten einfach diesen Blick für Gefahr. Von Vorne näherten sich dann auf einmal drei Männer und eine Frau. Die schauten tatsächlich als planten sie gleich jemanden umzulegen…….mittlerweile bin ich sicher die bekommen Boni je böser sie schauen. Mich sollte wohl die Frau niederstrecken. Sie kam zielstrebig auf mich und mein Gegenüber zu. Allein ihr Killerblick hätte mich fast erwischt. „Fahrkarte!“ raunzte sie. Während ich hektisch und voller Demut mein Ticket zückte blieb der Mann mir gegenüber ruhig und tat gar nichts. Sie nun zu ihm „Fahrkarte Mann!“…….keine Reaktion. „Du haben Fahrkarte oder du fahren ohne Ticket?“ Er ganz trocken: „Wie sie sehen gute Dame fahre ich immer schwarz“ Er und ich stimmten gemeinsam in ein schallerndes Gelächter ein. „Haha. Haben sie nun eine Fahrkarte oder nicht?“ „Ich fahr zwar immer schwarz, aber hier ist mein Ticket“………der Herr der vermutlich seinem Aussehen nach aus Ghana oder Eritrea zu stammen schien verabschiedete sich in bestem Deutsch lachend von mir und stieg aus.

„Heizen in Kleinheim“ oder „Das studierte Arschloch“ – Jugendreferent in Kleinheim sein

Heizen in Kleinheim

Anfang erstes Jahr als Jugendreferent

Kleinheim ist klein. Vom Ortseingang zum Ortsausgang schafft man es locker in drei Minuten. Manche brauchen weniger. Deutlich weniger.

Ich sitze in meinem Aquarium dem Jugendbüro. Bald ist Jugendtreff-Zeit. Ich warte. In den letzten Tagen habe ich es mir mit einem Großteil der „alten“ Jugendlichen so richtig schön verkackt. Habe ich doch die Frechheit besessen auch dem letzten zu erklären, dass es nicht geht, dass sie sich im Jugendtreff treffen, während ich zuhause bin und meinem Freizeitvergnügen nachgehe. „Aber das haben wir immer so gemacht. Das gab nie Probleme. Erst seitdem du dich hier breit gemacht hast gibt´s auf einmal Probleme.“

Stimmt. Die gab es. Viele. Vor mir gab es in Kleinehim nur eine 400-Euro-Kraft. Der Gute hat sich auf seine Art und in dem ihm möglichen Umfang gut gekümmert, glaube ich. Aber viel geht eben mit 400 Euro nicht. Das ist witzig. Er war in meinem Vorstellungsgespräch im Rathaus dabei. Mein Vorgänger. Er war Jugendreferent in einer Nachbarstadt. Machte das hier in Kleinheim nur aus Gefälligkeit. Er hatte es lanciert, dass die Gemeinde Kleinheim eine Stelle für einen Jugendreferenten schafft. Er hatte erkannt, dass der Bedarf besteht. Und, er wusste wie man mit Gemeinderäten spricht. Wie man sie für ihre Ideen gewinnt. Auch ich habe das in den Jahren gut gelernt. In einem Gemeinderat zu sitzen und von seiner Arbeit zu erzählen ist ein wenig wie einem Kunden einen neuen Staubsauger anzudrehen. Eine Art Werbeveranstaltung. Am besten ist wenn der Kunde nachher das Gefühl hat: Eigentlich war es ja meine Idee den neuen Sauger zu kaufen……was nicht stimmt, aber der Verkäufer suggeriert ihm das.

Peter, mein Vorgänger, hatte jedenfalls ein Händchen für sowas. Peter schaffte es zusammen mit einiger politischer Lokalprominenz eine Mehrheit zu schaffen die der Überzeugung war: Kleinheim braucht Jugendsozialarbeit.

Nun Peter saß also mit im Vorstellungsgespräch. Witzig. Witzig, weil Peter drei Jahre zuvor einer meiner Lehrbeauftragten an der Hochschule war. Medien und Sozialarbeit waren sein Steckenpferd. Nun sollte er mit darüber entscheiden ob ich die Stelle bekomme.

Witzig war in diesem gleich folgenden Kontext diese „praxisnahe“ Frage von Peter. Sehr beliebt in Vorstellungsgesprächen sind Praxisbeispiele. „Martin“, sagte Peter vor dem sechsköpfigen Einstellungs-Gremium (er duzte mich, kannte er mich doch noch aus einem Arbeitskreis an dem er und ich teilnahmen als ich noch bei meinem vorherigen Arbeitgeber war) „Stell dir bitte vor es ist Freitagabend. Der Laden ist voll und die Stimmung gut. Ein paar deiner Besucher haben etwas zu viel Alkohol konsumiert. Einer pöbelt rum. Was machst du?“ Okay. Jetzt ist die Frage, mögen die Zuhörer es auf die harte Tour oder lieben sie die grundsolide pädagogische Interaktion. Ich entschied mich taktisch für den Mittelweg: „Zunächst würde ich ihn freundlich darauf hinweisen, dass er sich doch bitte an die ihm zugänglich gemachten und bekannten Hausregeln erinnern solle.“ Für gewöhnlich baut der Interviewer jetzt eine Eskalationsstufe ein. So ein Gespräch ist durchaus berechenbar. „Das interessiert den Jugendlichen nicht, er motzt weiter und ignoriert dich. Was tust du?“ Das Spielchen ging weiter und endete im Worse Case. Ich hätte die Polizei gerufen und gehofft, dass sie kommen bevor die Meute mich gelyncht hätte. Tatsächlich ging es dann auch manchmal nicht ohne Polizei…….aber weniger weil ich sie rief, sondern weil andere sie zu uns riefen.

Warum diese Frage so witzig war? Peter musste zu dieser Zeit wissen, dass es Abende im Jugendtreff gab an denen kein Erwachsener anwesend war. Später erfuhr ich von Jugendlichen aus dem Ort in dem ich vorher als Streetworker arbeitete von „spektakulären“ Partys im Juze Kleinheim. Von ausgelassenen Schlägereien. Poppen in den Toiletten und Saufeskapaden. Normal. Nicht. Ich musste das mittelfristig unterbinden als Jugendreferent, ich verlor diese Jugendlichen die sich selbstbewusst „Jugendteam“ nannten. Eigenständigkeit und Selbstorganisation sind tolle Dinge und wichtig, aber eben nicht ohne Begleitung. Diese Begleitung gab es in der Form, dass ab und an mal ein Erwachsener vom Jugendförderverein vorbeikam, aber draußen standen genug Menschen die diesen Besucher ankündigten. Wenn denn mal einer kam, war alles Roger. Kein Stress. Wir spielen Karten und trinken Bier. Ehrlich mehr nicht. Der Erwachsene sagte dann meist ein paar strenge Worte, trank im ungünstigsten Fall noch ein Zäpfle mit und ging wieder. Zu Mitternacht mussten die Jungs dann in der Regel den Schlüssel beim Erwachsenen „Paten“ abgeben. Meist taten sie das. Und sie taten einiges dafür, dass sie trotzdem weiter feiern konnten. Nicht selten in meinen ersten Monaten kam es vor, dass ich Montagsmorgens einen Anruf aus dem Rathaus bekam, meistens mit diesem Inhalt: Mitarbeiter des Bauhofes hat zufällig hinterm Haus am Sonntag gesehen, dass ein Fenster auf ist. Er hat es zugemacht. Herr Brins da müssen sie besser drauf achten. Zweite Information: Herr Meier hat sich schon wieder beschwert, dass Samstagabend so ein Lärm war und er hat wieder ein Pärchen hinter der Hecke aufgespürt. Herr Brins sie wollen nicht wissen bei „was“ er sie erwischt hat. Nein. Eine weitere Ausführung war nicht nötig, ich hatte nach 8 Jahren Jugendarbeit genug Phantasie was sie da gemacht haben. Wahrscheinlich brav Händchen gehalten, das geht ja wie wir alles wissen hinter einer Hecke am allerbesten. Herr Meier war einer der direkten Nachbarn. Anfangs hatte Herr Meier was gegen mich, vermutlich weniger gegen mich als Martin, sondern gegen mich als Jugendsozialarbeiter, Vertreter der Jugend. Ich nehme an er musste denken ich hätte gewaltig einen an der Klatsche. Ich konnte ihm ja nicht sagen, dass er mit dieser Vermutung gar nicht so ganz falsch lag, denn man musste schon ganz gewaltig einen an der Klatsche haben oder sehr enthusiastischer Sozi sein um dort zu arbeiten. Besser ging es wohl nur, wenn man beides war, bekloppt und Enthusiastisch.

Die Jungs hatten sich einfach abends nach ihrer „Eigenöffnung“ ein Fenster aufgelassen, so ging, wenn man etwas diszipliniert war, die Party auch noch weiter. Die Einzigen, die sie hätten verraten können, waren eigentlich keine Gefahr, denn meistens waren sie in einem Zustand, der nun auch nicht so war, dass man scharf drauf wäre, dass er am nächsten Tag durchs Dorf geistert. Man sah sich also offiziell gar nicht. Diese Menschen waren Mitglieder einer Vereinigung, die mir bis heute äußerst suspekt ist. Sie nannten sich „Reservisten“. Ich, als bekennender Pazifist, Kriegsdienstverweigerer und Zivi hatte ja nun mit Militär so gar nix am Hut. Ich vermute in meiner ostwestfälischen Heimat hätten sich diese schießfreudigen Männer wohl schlicht und ergreifend Schützenverein genannt. In dem Städtchen in Ostwestfalen-Lippe wo ich herkomme gab es allein vier dieser Schützenvereine. Ich hatte als Sohn einer pazifistischen eher linkswählenden Familie immer ein klares Bild von Schützen, was sich jetzt hier in Kleinheim bei den Reservisten nicht unbedingt änderte: Der Schütze an sich war ein stattlicher deutscher Mann zwischen Anfang 40 und Ende 70. Er trug das Herz am rechten Fleck und diente der Fahne treu. Im Ernstfall wüsste er mit seinen legal erworbenen Waffen seine Familie, seine Ehre und natürlich nicht zuletzt sein Land zu verteidigen. Er war in der Regel trinkfest und fand es nicht selten völlig legitim, dass „der Ausländer mal schön in seinem Land bleibt“. Der gemeine westfälische Schütze allerdings wurde in seinem Leben glücklicherweise in aller Regel nicht wirklich zur Verteidigung eingesetzt. Manch einer von ihnen und auch manch anderes Familienmitglied tötete sicher auch mal einen Menschen mit einer dieser Waffen, aber sowas passiert halt, wenn man das mit der Sicherung der Waffen nicht so ernst nimmt. Aber unter dem Kopfkissen ist die eh besser greifbar als wenn sie im Schrank eingeschlossen ist. Waffenschränke werden allgemeinhin überbewertet.

Bei den Reservisten war das anders, so wurde mir erklärt. Der Reservist wird im Verteidigungsfall tatsächlich an die Waffen gelassen. Er ist die eiserne Reserve, ganz wie es der Name „Reservist“ verrät. Ich konnte nicht glauben, dass es sowas wirklich gibt. Sie fühlten sich tatsächlich auch ein bisschen wichtig, schließlich würden sie im Verteidigungsfall, zum Beispiel, wenn der französische Nachbar eine überraschende Inversion startet. Also tschuldigung, selbst im Jahre 2010 konnte man schließlich so eine überraschende Maßnahme der Nachbarn nicht ausschließen, so jedenfalls erklärte mir es ein älterer Herr aus Kleinheim, ich möchte besser nicht wissen ob er das zum Spaß oder ernst meinte.

Nun, ich hatte jetzt dafür gesorgt, dass den Jungs der Schlüssel nicht mehr gegeben wird und ihnen angeboten mit mir ein Jugendteam zu machen, also sich mit mir zu treffen, Regeln zu besprechen und zunächst unter meiner Anleitung das Juze aufzumachen. Nun strafte man mich also mit Nichtachtung. Auch recht, der Vorteil einer Festanstellung und wie hier im Besonderen einer Festanstellung im öffentlichen Dienst gegenüber der Honorarstelle ist, dass man auch bezahlt wird, wenn man nichts tut, bzw. einfach nur da ist. Ich war dann jetzt einfach mal da. Ich surfte ein bisschen im Netz, checkte zum 15. Mal den Maileingang und ging raus zum Rauchen. Es war ein milder Freitagabend. In einiger Entfernung hörte ich, ich nahm an es kam von der nahegelegenen Autobahn, ein Martinshorn. Ich wunderte mich noch, dass es heute so nah klang, das Martinshorn. Ich dachte mir, dass der Wind wahrscheinlich die Weitergabe des Schalls begünstigt.

Ich wartete noch eine halbe Stunde, aber niemand kam. Selbst die Sandwich-Kinder, also die Jugendlichen, die noch nicht zu den „Alten“ gehörten, aber auch nicht mehr zu den „Jungen“ Jugendlichen, kamen heute nicht. Wahrscheinlich ging in einer der Waldhütten wieder Party. Auf einmal, ich wollte grade den Ascher reinstellen und die Bierbank zusammenklappen, da kam Derrick um die Ecke. Derrick war einer der Scooter-Boys. 16 Jahre alt und eigentlich der Inbegriff eines Dorfjugendlichen. Immer Party machen und viel Scheiße im Kopf. Ein Netter. Er kam um die Ecke und schob seinen Roller. Derrick schob seinen Roller. Fuck. Das ist ein schlechtes Zeichen, dachte ich noch. Er rollerte auf mich zu und stellte seinen Roller etwas versteckt hinter einen Busch neben dem Juze. Derrick meinte nur etwas gestresst: „Martin, lass uns eine rauchen! Ich hab voll die Scheiße gebaut.“ Und Derrick erzählte mir dieses:

Wie immer, wenn er abends nichts zu tun hatte setzte sich Derrick auf seinen Klappspaten. Entschuldigung. Auf seinen Roller. Er hatte mir nun schon einiges erklärt was Scooter betrifft. Ich war und bin bis heute, oh je ich oute mich jetzt hier, noch nie mit so nem Roller gefahren. Ich stelle mir es ganz nett vor mit einer Vespa durch die Gegend zu knattern, aber wie gesagt, alles nur Suggestion, wie es wirklich ist? Kein Plan. Derrick hatte ein Gerät was bei Polizeikontrollen vortäuschte die Maschine sei gedrosselt, in echt konnte man mittels dieser Blackbox die Drosselung übergehen und das Ding richtig hochjagen. Bestimmte Bauteile, darunter der Auspuff entschieden über zusätzliche Power. 90 bis 100 Km/h waren so zumindest über nicht allzu lange Distanzen möglich. Derrick hatte an der Sporthalle in Flachgarten, einem Ortsteil von Kleinheim geschaut ob er Freunde trifft. Er hatte tatsächlich Arne getroffen und zusammen fuhren sie zurück nach Kleinheim. Die Verbindungstraße zwischen den beiden Käffern war eine Kreisstraße, weil aber die Straße gesäumt von Feldern ist und der Landwirtschaftliche Verkehr recht groß ist, war auf diesem kerzengraden Stück von etwa 1,5 Km Länge eine Tempobeschränkung auf 70 Km/h. Derrick forderte Arne zum Duell heraus und sie lieferten sich ein Rennen. Zum einen weil keiner so selbstmörderisch und aufopferungsvoll wie Derrick fuhr und zum anderen weil keiner eine so getunte Maschine hatte, konnte eigentlich kein anderer vergleichbarer 25 ccm-Roller mit seinem mithalten. So auch diesmal. Nur Derrick bekam nicht genug. Er sah vor sich ein Motorrad, eine schwarze BMW. Er dachte sich noch „Geiler Scheiß“ und der schwarz gekleidete Biker hielt sich an die vorgeschriebenen 70 und Derrick verstand dies als Einladung mal eine BMW zu versenken. Er überholte ihn mit etwa 80 Sachen und stand noch während der Fahrt auf und jubelte wie ein Sieger. Auf einmal sagt er sieht er hinter sich einen Polizeiwagen. Mit Blaulicht und Martinshorn. Er lässt den Wagen überholen, während bereits eine Kelle aus dem Fenster winkt. Derrick wurde gefickt, so nannte man es wenn die Polizei jemanden erwischt hatte. Selbst meine heutigen erwachsenen Klienten nutzen diesen Begriff als Umschreibung von Bestrafung. Normal brutal. Als Derrick von seinem Roller stieg, rollte hinter ihm die schwarze BMW in Parkposition. Der athletische schwarz gekleidete Herr auf der Maschine, den Derrick grade noch „versenkte“ war Zivilpolizist, seine Maschine eine sau teure hochgezüchtete rollende Videoanlage. Man zeigte ihm sein Video. Machte Beweisfotos und entfernte die Blackbox. Und das Nummernschild wollten sie auch haben. Sein Klappspaten wurde „Stillgelegt“ wie es im Polizei-Sprech heißt. Ihm wurde mitgeteilt, dass er seinen Klappspaten in Begleitung eines Erwachsenen Erziehungsberechtigten am Donnerstag nächster Woche im Beisein der Eingreiftruppe Roller-Delikte beim TÜV vorzuführen habe. Selbstverständlich dürfe er das Gerät nicht benutzen um zum TÜV zu gelangen, da es ja stillgelegt sei. Der Roller solle wieder in den Werkszustand versetzt werden, jegliche An- und Umbauten seien zu entfernen und dann dem TÜV vorzustellen. Sie fügten hinzu, dass er sich glücklich schätzen könne, dass sie kein größeres Fahrzeug zur Verfügung hätten, sonst würden sie seinen Roller zur besseren Beweisführung einbehalten. So wurde Derrick nun doppelt gedemütigt. Zunächst stand ihm der Walk of Shame bevor, er musste mitten durchs Wohngebiet, er musste da durch und seinen Roller schieben. Ihm war klar, es würde keine 24 Stunden dauern und ganz Kleinheim würde Bescheid wissen: Die Bullen haben Derrick gefickt. Des einen Freud war des anderen Leid. Die zweite Demütigung würde zuhause folgen. Weil Papas Auto zu klein zum Transportieren eines Rollers war, musste Papa sich wieder den Trailer vom Nachbarn ausborgen und der wollte natürlich wissen warum. Doof. Brutal doof. Irgendwie.

Und jetzt stand Derrick da. Ohne Roller war er irgendwie klein. Irgendwie uncool. Arm. Er tat mir fast ein bisschen Leid. Ich ihm wohl auch, dachte ich dann: „Du bist ganz schön allein hier, oder?“, fragte er mich. Ich bestätigte dies und ich lud ihn zum Trost auf ne Kippe und ne kalte Coke ein, zwei Arbeitsmittel, die immer vor Ort sein mussten. „Ist scheiße wenn keiner kommt, oder?“, fragte er weiter. Auch dies bestätigte ich ihm und fragte dann „Derrick weißt du warum keiner kommt?“ Er meinte dann ich solle jetzt nicht stinkig auf ihn sein, aber es sei nun mal so, dass es einige im Dorf gäbe die meinten ich ein studiertes Arschloch. Ich fragte ihn ob das Jugendliche seien, die sowas sagten. „Nee Martin, die älteren Jugendlichen sagen du bist ein asozialer Wichser!……….Also nicht falsch verstehen, die sagen das………ich find dich ja ganz nett.“ Ich wollte natürlich wissen ob mich viele Erwachsene Kacke finden würden. Dass die älteren Jugendlichen mich als Wichser bezeichneten wunderte mich jetzt weniger, ehrlich gesagt, ich rechnete sogar eigentlich damit, dass ich sie verloren hatte, zumindest einen Teil davon, andere kamen später wieder und fanden „das neue Juze mit Martin“ irgendwie auch ganz geil. Manchmal jedenfalls. Er versicherte mir glaubhaft, dass es nur einige wenige seien von den Erwachsenen die mich richtig kacke finden. Die seien aber alle selber auch ziemlich Kacke. Kacke. Überall Kacke. Naja dachte ich mir: „Wir sin ja ufm Dorf“.

Im Laufe des Gesprächs wurde mein Verkaufsinstinkt geweckt, auch wir Sozis verfügen über sowas, also die „neueren“ wie ich es einer war oder bin? Ich hatte ja nun verstanden, dass mir die eine Zielgruppe quasi just eben flöten gegangen war und musste nun die nächste klarmachen. Die Peer um Derrick schien mir geeignet.

„Derrick, haste Bock hier mal was mitzumachen? Mal Thekendienst machen? Vielleicht bringste noch wen mit, Kumpels, Mitschüler? Ich brauch grad nen neues Team. Das alte Team findet mich scheiße, also muss ein Neues her. Und wenn du mal Stress mit deinen Alten hast oder so und Unterstützung brauchst, dann sag Bescheid, ich tu was ich kann“ – „Alter. Ja Mann. Klingt gut!“ Er drückte mir die Hand und schob mit seinem Roller davon. Weiter auf dem Walk of Shame.

Bereits zwei Wochen später stand ich in der Küche von Derricks Eltern und hörte mir die Sorgen von Derrick und seiner Mama an. Aber auch Derrick sah ich jetzt öfter. Er kam jetzt meistens zu Fuß, selten auf einem alten Moped, was er ja gar nicht aktuell fahren durfte, öfter ins Juze und hatte auch Leute mitgebracht. Jetzt hatte ich Plötzlich 10 Interessenten fürs Jugendteam, genauso viele Interessenten wie auch Besucher. Geil ich hatte nun ein Team, ein großes Team………nur leider keine Besucher mehr 😉

 

Flexible Nachmittagsbetreuung und meine Entdeckung von Facebook

Zweites Jahr als Jugendreferent in Kleinheim

Flexible Nachmittagsbetreuung. Ich hatte mein Bestreben mit der Flexiblen Nachmittagsbetreuung, die sicherlich nicht zu meinen Lieblingsaufgaben gehörte, für die Kinder mehr als nur ein Aufbewahrungsort zu sein, wohl schon an den Nagel gehängt. Ich erinnere mich jedenfalls, dass wir bei brütender Hitze im abgedunkelten EDV-Raum der Schule saßen. Der Konrektor, der den Raum einst unter seine Fittiche genommen hatte und den ich genau vier Wochen kennenlernen durfte bevor er bis zu meinem Abgang krankgemeldet war, hatte mich gemocht. Ihm gefiel, dass ich mir von seiner Kollegin der Schulleiterin nicht alles einfach sagen ließ, denn das zeichnete sich schon in den ersten Wochen meines Tuns an der Schule ab, dass sie und ich selten einer Meinung waren. Jedenfalls hatte diese Sympathie zur Folge, dass ich den Bonus hatte von ganz oben die Erlaubnis zu haben den Raum mit den Flexi-Kindern betreten und nutzen zu können. Man zeigte mir, dem Sozialarbeiter sogar wo der Schlüssel hängte. Zwar hatte ich einen Generalschlüssel, aber so manche Tür blieb für mich damit eigentlich trotzdem verschlossen. Das betraf alle fachspezifischen Räume, also Chemie/ Physikraum, Werkraum, Kunstraum und eben den Informatikraum.

Wie auch immer, ich saß mit den Wenigen Schülern, die sich an diesem heißen Tag nicht einfach nach Unterrichtsende nach Hause gingen um dann in den Pool oder Baggersee zu springen, im Informatikraum. Durch die dicken schweren Vorhänge ließ der Raum sich sehr gut abdunkeln und blieb dadurch auch erträglich halbwegs kühl.

Die Hausaufgaben waren erledigt bzw. nicht vorhanden. Es war kurz vor den Sommerferien, also etwa drei Wochen davor. Für die meisten Lehrkräfte, das hatte ich schon gelernt fing die Vor-Ferienzeit etwa drei Wochen vor den eigentlichen Ferien an. Der Lehrer an sich hatte gute Erklärungen warum man sich schon mal vorsichtig auf die Ferien einstimmen sollte. Diese schrecklich langen Zeugniskonferenzen, die den Lehrkräften wirklich alles abverlangten. Der Unterricht bestand in dieser Ferien-Preview oft aus dem Ausmalen lustiger Malen-nach-Zahlen-Bilder oder in höheren Klassen aus dem Schauen von Videofilmen, natürlich nach pädagogischen Standards, also irgendwie, bestimmt. Hausaufgaben gaben nur noch die ganz harten Hunde richtig auf. Fließen eh nicht mehr in die Bewertung. Nur die ganzen wackeligen Kandidaten mussten noch ihre Hefte auf Vordermann bringen um damit wenigstens ihre mündliche Note aufzubessern, so dass der Gesamtschnitt des Faches gehoben werden konnte.

Und nun mussten wir die Zeit totschlagen. Wie gesagt nur die treuesten, bzw. die Kinder deren Eltern sie noch einigermaßen unter Kontrolle hatten und eben die, die offensichtlich keine Freunde hatten, waren da. Wir beschlossen die Zeit im Computerraum totzuschlagen. Nach draußen gehen war keine Option. In Kleinheim, der Landgemeinde mit der höchsten Swimmingpool-Dichte im Landkreis, war es im Sommer oft unerträglich heiß. Viele Felder, wenig Schatten, warmer Wind. Das mit den Pools war wirklich witzig. Anfangs dachte ich „Boah, haben die alle Kohle, dass die sich nen Pool im Garten leisten können“ Später verstand ich, dass man in Kleinheim einen Pool braucht, wenn man ein Eigenheim hat. Wer keinen Pool hatte konnte sich eigentlich gleich ein Strick nehmen. Ich kenne Leute, die haben eigentlich gar keinen Garten mehr, denn der besteht zu 90 % aus Pool. Dass viele sich für diese Pools hochverschuldeten ist eine andere Geschichte, die aber leider auch zu Kleinheim gehört.

Wir gingen alle ins Internet. Anfangs hatte es mir noch Spaß gemacht vom Lehrer-PC aus die PCs der Kinder manipulieren ähm steuern zu können. Ich könnte ihnen den Zugang zu Netz verwehren, ihre Rechner runterfahren, neu starten oder sperren. Sehen was sie grade machten und wo sie surften. Irgendwann verlor das für mich den Reiz, aber ich muss sagen, auch einem Sozialarbeiter macht es mal Spaß Gott zu spielen. Ich saß jetzt lieber wieder zwischen den Kindern. Ferdinand saß an diesem Tag am Rechner neben mir. Ferdinand war Sohn einer Bauernfamilie. Er war ein netter, ein kleiner Nerd, aber nett. Sein Vater machte fett im Kartoffelgeschäft, stolz erzählte Ferdi irgendwann, dass sein Vater nun Chio beliefere und die jetzt Kleinheimer Kartoffeln in die Chips täten. Wow, dachte sogar ich. Ferdi fragte mich ob ich auch schon bei Facebook sei. „Ja. Keine Ahnung, ich glaube schon, aber ich nutze das gar nicht. Ich habe da mal einen Account angelegt, aber irgendwie ist mir das alles zu kompliziert“, erklärte ich ihm. Er fragte mich dann ob ich etwa immer noch meinen Account bei SchülerVZ habe, jeder an der Schule wusste mittlerweile, dass ich dort Homer J. Simpson heiße und viele waren verbunden mit mir. Ich hatte gelernt, dass es gut ist da zu sein, bei SchülerVZ. Ich war so viel nähr an den Kids und sie an mir. Einige Lehrer bekamen meine  Aktivitäten dort mit, Schüler hatten stolz erzählt, dass der Martin auch da im Netzwerk sei. Vorne herum kritisierten mich einige Lehrer dafür, hinten rum fragten sie mich aus, was denn die Schüler so über sie, also die Lehrer so sagten dort im Netz. Ich sah mich als Jugendreferent und später auch als Jugendsozialarbeiter immer ein Stückweit als Anwalt der Jugendlichen, so machte ich dies dann auch den wissbegierigen Lehrern deutlich. Mit anderen Worten: Kein Kommentar vom Sozi, Schweigepflicht. Die kann auch praktisch sein. „Martin, SchülerVZ ist out, wir sind jetzt alle bei Facebook.“ Okay, dachte ich mir, Martin, du bist da flexibel. Langsam lernte ich also wie sie ging, diese Sache mit Facebook. SchülerVZ wurde bald Geschichte und Facebook zu einem wichtigen Arbeitsmittel für mich, bis heute.

Ich legte schon bald eine Seite für den Jugendraum an, eine Facebookseite. Die Homepage versuchte ich ein- zweimal zu updaten, ich hatte keine Ahnung davon und die Seitenstatistik zeigte mir, dass das Interesse an dieser Seite gegen Null ging. Facebook gewann an Bedeutung, hatte aber sicher noch nicht den Stellenwert erreicht, den es heute hat. 2008 war man um in Facebook zukommen in aller Regel noch auf einen PC angewiesen, nur ganz wenige, von den meisten noch für bekloppt gehaltene Schnösel hatten ein Iphone, also ein erstes echtes Smartphone. Ich hatte ein Smartphone, aber das konnte nichts. Ich weiß noch wie ich mit Derrick, einem der Scooter-Boys vor dem Juze auf den Stufen saß. Er hielt sein Iphone 3S in den Händen und zeigte mir stolz die Apps. Apps? Wasn das?

Mein erster Schultag…..als Schulsozialarbeiter oder so…..Fortsetzung Teil II

 

Mein eigenes Klassenzimmer

Nachdem ich nun das Lehrerzimmer besichtigen durfte wurde ich durch den Hauptschulbereich geführt. Wenn man wie ich eine Schule besuchte, die etwa 1700 Schüler zählte entlockt einem dieser Rundgang genau ein Adjektiv: „süß“. Es gab jeweils eine Klasse pro Klassenstufe, also jeweils ein Raum für die fünfte, die sechste, siebte, achte, neunte Klasse. Einen Chemie- und Physikraum, einen Informatikraum, eine gute recht große Schulküche, einen Unterrichtsraum für den Technikunterricht und im Keller einen Kunstraum. Was ich hier grade aufzählte passte in meiner Schule in eine Etage, hier war es eine Schule. 

Hier in der Kleinheimer Hauptschule sollte jetzt also die Schulsozialarbeit einziehen……..das zumindest dachte ich kurzzeitig. Schulsozialarbeit braucht in der Schule einen Wirkungsort, zu diesem sollte ich jetzt geführt werden. Durch die immer stärker abnehmenden Schülerzahlen war ein Unterrichtsraum frei geworden und weitestgehend ungenutzt. Weitestgehend. Wie ich bald feststellen durfte. Denn er wurde gern als Strafraum benutzt, zum Nachsitzen oder Strafarbeiten erstellen. Das wurde mir aber zunächst nicht mitgeteilt. Muss er nicht wissen…..muss man sich gedacht haben. Direkt als ich den Klassenraum betrat, malte ich mir in meiner Fantasie aus, wie ich ihn einrichten würde. Er war schrecklich….eigentlich klassisch. Tisch an Tisch und vorne das Lehrerpult. Frontalunterricht. Egal. Unterricht würde hier ohnehin nicht stattfinden. Arbeit und Spiel so sah das Konzept aus, was es nicht gab.

„Toben sie sich aus Herr Brins, aber bitte nur in enger Absprache mit mir „gab mir Frau Kessel die Rektorin mit auf den Weg. Alles klar, nun stand ich da in meinem ersten eigenen Klassenzimmer. Allein und etwas unbeholfen zunächst.

Vorausgegangen ist dieser Ausgangssituation ein kurzer Prozess der Konzeption dessen was ich dort nun tun sollte. Nein, eine Konzeption gab es nicht, bis ich später eine erstellte. Aber man hatte nun mal jetzt einen Jugendsozialarbeiter in Kleinheim und da kommen wir wieder zur eierlegenden Wollmilchsau. Wenn man sowas schon hat, dann muss man das geschickt nutzen. Also ab in die Schule mit dem Sozi. Die Gemeinde als Schulträgerin hatte natürlich ein berechtigtes Interesse daran, dass der Schulstandort Kleinheim interessant und wenigstens ansatzweise attraktiv blieb. Viele Gemeinden der Größe Kleinheims mussten bereits ihre Hauptschulzweige schließen, aus Schülermangel. Ich begann in der Schule in einer ersten Phase des Umbruchs. Die Grünen sollten bald das Ruder in der Schulpolitik in die Hand nehmen und auch die Landesregierung damals noch tief schwarz baute an den Schulformen herum. Immer nur Symptombehandlungen aber man rotierte bereits ordentlich. In größeren Städten wurden die Hauptschulen immer mehr zu Restschulen. Ein ganz böser Ausdruck, aber der Wahrheit gut nahekommend. Die Eltern hatten mittlerweile ein wesentlich größeres Mitspracherecht was die Wahl der Weiterführenden Schule betrifft. Es war klar erkennbar, dass immer mehr Eltern vermieden ihre Kinder zur Hauptschule zu schicken. Der Hauptschulabschluss, selbst mit Qualifikation war und ist, wenn wir ganz ehrlich sind kaum noch etwas wert heutzutage. Man kann darüber leidenschaftlich diskutieren. Für mich grenzt das gegenwärtige Schulsystem an gelebten Anachronismus, ich selbst bin in Ostwestfalen Schüler einer Gesamtschule gewesen, hier wurden alle gemeinsam unterrichtet und in ihren Fähigkeiten gefördert und erst wenn es tatsächlich um die Abschlüsse ging wurde sortiert, jeder konnte den Abschluss erreichen den er persönlich anstrebte, wenn denn die Leistungen dafür reichten. Bei mir reichten sie bis zum Abitur. Hier in Baden-Württemberg, das gebe ich zu, hätte ich das Abi vermutlich nicht bekommen, jedenfalls nicht im ersten Anlauf. 

Um das Angebot der Hauptschule in Kleinheim zu stärken hatte man sich (endlich) überlegt, dass es von Nöten sein könnte, dass Eltern, vor allem Berufstätige, eine Möglichkeit haben sollen ihre Kinder in Betreuung zu geben, auch nach den eigentlichen Unterrichtszeiten. In der Grundschule war dies Dank des großen Engagements des Fördervereins der Schule schon länger möglich. Das kostenpflichtige Angebot war sehr beliebt. Der Förderverein konnte dafür Räumlichkeiten im Keller des Grundschulgebäudes nutzen. Das Zauberwort für die Hauptschule lautete „Flexible Nachmittagsbetreuung“ ein Modell was grade „Schule“ machte. Und für das es nicht wenige Fördergelder gab. Mein Hauptamtsleiter hatte davon gehört und sich dafür eingesetzt, dass mein Aufgabenbereich um diese Arbeit erweitert werden sollte. Die Idee war Folgende: Schüler können an vier Wochentagen nach dem Unterricht um 13 Uhr zur Flexi gehen, in einem eigenem Raum können sie gemeinsam vespern, Hausaufgaben machen und gemeinsam Freizeitaktivitäten erleben. Zunächst war dieses Angebot an Fünft- und Sechstklässler gerichtet. Man lud interessierte Eltern ein. Und tatsächlich konnten wir dann bald anfangen. ICH konnte anfangen, denn die Kämpfe und Krämpfe die sich vor Ort peu a peu entwickelten, musste in erster Linie ich alleine bewältigen und austragen. 

Ich sollte also bald starten, aber zunächst brauchte ich Geld und Ideen wie ich den Raum so gestalte, wie ich mir das als Schüler wahrscheinlich gewünscht hätte. In einer Ecke stand schon ein altes Sofa, was manchmal von der SMV für Besprechungen genutzt wurde. Ich stellte noch eines dazu und einen kleinen Couchtisch, die Sachen bekam ich wie ich darin schon aus der Offenen Jugendarbeit gut geübt war von Spendern, eine Couch loswerden möchte fast jeder irgendwann mal gern. Wenn man dann sogar noch jemanden findet der sich das Teil selber abholt, super. So zu ich was Gutes und bin das Möbelstück los und es selbst entsorgen zu müssen. Ich besorgte einen Teppich und schon war die gemütliche Chill-Ecke geschaffen. Im vorderen Bereich des Klassenzimmers ordnete ich die Tische so an, dass ich am Ende drei Tischgruppen hatte an denen die „Flexi“-Schüler ihre Hausaufgaben machen konnten. Ich baute das im Lauf der Zeit immer mal wieder um, je nachdem was ich für die aktuelle Gruppe für angemessen hielt. Später schaffte ich noch halbhohe Bücherregale an, zum Teil auch als Raumteiler genutzt um den gemütlichen Teil etwas abzugrenzen. Hier lagerte ich Bastelmaterialien, Spiele, Bücher und anderes Gedöns. 

Es konnte nun losgehen. Ich startete mit sieben Schülerinnen und Schülern, sie waren quasi die Pioniere. Ihre Eltern waren die ersten die sich trauten oder Bedarf an diesem Angebot hatten. Das Angebot war kostenpflichtig, doch ich konnte dem Gemeinderat, der letztendlich darüber entschied, ein gutes Ermäßigungsmodell vorlegen, dem sie ohne größere Diskussion zustimmten. Als „Anwalt“ der Kinder und Jugendlichen des Dorfs mutierte ich zeitweise auch zum Politiker, immer dann, wenn ich für meine Jugendlichen was erreichen wollte was mehr Geld kostete oder ich etwas machen wollte wofür ich die Zustimmung dieses politischen Gremiums benötigte mutierte ich. Ich verstand schnell, dass eine gute Vorbereitung die halbe Miete ist. Ob sie meinen Ausführungen nachher meist so schnell zustimmten, damit ich endlich aufhörte so lange Fachaufsätze zu halten oder was auch immer sie dazu bewog…….im Endeffekt Latte, so lange ich mein Ziel erreichte. Dieses Ermäßigungsmodell sah geminderte Beiträge für Geschwister-Kinder vor, sowie für finanziell schwächer gestellte Eltern, z.B. Alleinerziehende oder Hartz-IV-Empfänger. Später wurden einige Beiträge sogar direkt vom Jugendamt bezahlt, weil das Jugendamt diese Maßnahme als angemessene Hilfeleistung für den Heranwachsenden einstufte.

Nun stand ich da, vor diesen Kindern, für sie eine neue Situation, genauso für mich. Einige der Kinder kannte ich bereits von Kids-Aktionen oder aus dem Jugendtreff oder ich kannte ihre Geschwister. Die Schüler kannten aus dem Unterricht Regeln, die man ihnen anscheint erfolgreich eingetrichtert hatte. In diesem Fall bezüglich des Umgangs mit Lehrpersonal oder Erwachsenen in Klassenzimmern. Als ich das erste Mal den Raum betrat und die Kinder sich hinsetzten wurde es kurz ruhig und ich begrüßte die Sieben ganz freundlich, daraufhin sagten sie im Chor und im Gleichton „Guten Tag Herr von Brins“, nicht dass das nicht schon reichte waren sie zu allem Überfluss dazu auch noch aufgestanden. Ich war geschockt, wirklich geschockt und zugleich amüsiert und reagierte prompt und meinte nur „Das müsst ihr hier nicht machen. Wir sprechen nachher noch über unsere Regeln hier und schreiben sie gemeinsam auf.“ Die Sieben waren baff. Hatte der Typ da vorn grad echt gesagt, sie sollten ihn zukünftig ganz normal mit „Hallo Martin oder hallo Herr Brins“ begrüßen? Und dann sollten sie die Regeln besprechen? Wirklich?  

Wir aßen gemeinsam unser Vesper und setzten uns dann in die Chill-Ecke vor ein Flipchart-Papier mit Eddingern bewaffnet und besprachen gemeinsam ein paar grundsätzliche Regeln zum Umgang mit- und untereinander. Wir schafften es auf acht einfache Regeln. 

Die erste Woche lief gut an. Es machte Spaß. Ich versuchte meine Erfahrungen aus der Offenen Jugendarbeit auf dieses neue Angebot zu übertragen, wie ich fand zunächst erfolgreich. 

Am Ende der zweiten oder dritten Woche bewegte ich mich mittlerweile auch wesentlich sicherer im Lehrerzimmer. Erste Lehrer hatten sich mir vorgestellt, ich konnte schon erste Erfahrungen machen wer mir mit Misstrauen begegnete und wer sich mir und meiner auch fürs Kollegium neuen Funktion offen zeigte. Ich saß mit Kathrin an der langen Tafel im Lehrerzimmer, sie hatte Freistunde und ich sortierte Flyer die ich in die Fächer der Grundschullehrer legen wollte. Kathrin war Vertrauenslehrerin und Verbindungslehrerin für die SMV. Eine nette. Kathrin meinte als sie merkte, dass wir allein im Lehrerzimmer zu mir „Sag mal Martin kann ich dich mal was fragen?“ Und wir kamen ins Gespräch. Was sie mich nun fragen wollte zauberte mir zunächst ein vermutlich recht scheel wirkendes Grinsen ins Gesicht. Kollegen hätten sich ihr gegenüber dahingehend geäußert, dass die Kinder mich in der Flexi duzen dürften. Ob das denn stimme? Ich ahnte schon was jetzt komme würde. Einige Kollegen und auch Sie habe damit ein paar Schwierigkeiten, schließlich sei es in der Schule üblich, dass Erwachsene gesiezt würden. Wegen Respekt und so. Ich erklärte ihr, dass ich es schon recht skurril fände, wenn mich die Jugendlichen am Mittag in der Schule Herr Brins nannten und nachmittags oder abends im Jugendtreff dürften sie mich mit Martin ansprechen. Sie meinte dann sie verstehe das im Prinzip schon und es sei ja auch löblich, dass ich so ein gute Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen hätte, aber dann müsste ich eben darüber nachdenken mich im Jugendtreff auch siezen zu lassen. Ich muss sagen hätte sich diese Anmaßung eine andere Lehrkraft mir gegenüber erlaubt wäre ich an die Decke gegangen. Wo kommen wir da hin, wenn ich mir jetzt von den Lehrern erklären lassen muss, wie ich meinen Job am Besten ausgestalte. Ich erklärte ihr, dass die Offene Jugendarbeit in erster Linie auf Freiwilligkeit basiere, dass die Offene zwar durchaus auch ein Bildungsangebot sei, aber eben zum non-formellen Bildungsbereich gehöre. Dass wir Jugendliche dazu ermutigen wollen ihre Gesellschaft, ihre Umwelt aktiv mitzugestalten. Offene Jugendarbeit ermöglicht eine Partizipation der Jugendlichen. Eine aktive Teilhabe. Im Laufe des Gesprächs wurde aber zügig deutlich welche Angst bzw. welche Motivation eigentlich dahinter steckte. Es gab Kollegen, die befürchteten ich würde die Jugendlichen damit verweichlichen und mich zu sehr mit den Schülern auf eine Ebene begeben und damit nicht zuletzt ihre Position als Lehrer, die sich siezen lassen müssten, gefährden. Und eigentlich will man dieses Ansinnen auch als Hilfestellung und Unterstützung, ja vielleicht sogar als gut gemeinten Ratschlag verstanden wissen, denn man glaube die Schüler hätten keinerlei Respekt vor mir. Ohne, dass ich mir zu sehr selbst auf die Schulter klopfen möchte, aber andersrum war es eher der Fall, die meisten Schüler hatten vor mir mehr Respekt als vor einigen Lehrern, vor denen hatten sie eher Angst, denn die bestraften mögliche Respektlosigkeit oder Fehrlverhalten mit Strafarbeiten. Bei Herrn Brins wurde meist diskutiert. 

Und dann war da noch eine Frage die Kathrin beschäftigte. Schüler hätten ihr ganz stolz erzählt sie hätten mit mir gemeinsam die Regeln besprochen…….genauso wie sie das auch täte……….aber sie erklärte mir umgehend, dass das hier in dieser Schule nicht selbstverständlich sei, viele Lehrer würden sich doch gern auf ihre etwas angestaubten Werte und Erfahrungen verlassen und den Schülern nicht allzu viel Mitspracherechte einräumen. Schüler brauchen klare Kante und Struktur an die sie sich halten können. Dem stimme ich sogar zu, nur der Weg dahin scheint sich stark von meinem zu unterscheiden. „Da schauen schon einige ganz kritisch auf dich.“, meinte Sie. Registriert, aber für mich nicht von Ausschlag, dachte ich.

 

Fortsetzung folgt: Strafen und Konsequenzen